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Projekt-Fails mit Aha-Effekt: Das Kernkraftwerk Zwentendorf, fertig gebaut und nie gestartet

Beim Kernkraftwerk Zwentendorf stellt sich eine ungewöhnliche Frage: Wie kann ein Großprojekt nahezu vollständig fertiggestellt werden und trotzdem nie seinen eigentlichen Zweck erfüllen? Genau das geschah 1978 in Österreich. Kurz vor der geplanten Inbetriebnahme entschied die Bevölkerung gegen die Nutzung der Kernenergie. Das Kraftwerk ging nie ans Netz.

Das Kernkraftwerk Zwentendorf: Österreich setzt auf Kernenergie

In den 1960er Jahren galt Kernenergie in vielen europäischen Ländern als wichtiger Baustein für die zukünftige Energieversorgung. Auch Österreich plante den Einstieg. Zwentendorf an der Donau in Niederösterreich wurde als Standort für das erste kommerzielle Kernkraftwerk des Landes ausgewählt. Der Baubeginn erfolgte 1972. Das Kraftwerk war für eine Bruttoleistung von 730 Megawatt ausgelegt und sollte einen erheblichen Beitrag zur österreichischen Stromversorgung leisten.

Hinter dem Vorhaben stand zunächst eine größere energiepolitische Strategie. Zwentendorf sollte nicht zwingend das einzige Kernkraftwerk Österreichs bleiben. Entsprechend groß waren die Erwartungen an das Projekt.

Technisch wurde das Kraftwerk weitgehend fertiggestellt. Personal war geschult, Brennelemente waren vorhanden und die Vorbereitungen für den Betrieb liefen. Nur der entscheidende Schritt fehlte noch: die politische Zustimmung zur tatsächlichen Inbetriebnahme.

Und genau an dieser Stelle nahm das Projekt eine Wendung, die Jahre zuvor kaum jemand erwartet hatte.

Eine Entscheidung fällt erst kurz vor dem Ziel

Während der Bauzeit hatte sich die öffentliche Diskussion über Kernenergie deutlich verändert. Sicherheitsfragen, die Lagerung radioaktiver Abfälle und grundsätzliche Zweifel an der Atomenergie rückten stärker in den Mittelpunkt. Der Widerstand gegen Zwentendorf wuchs.

1978 entschied die österreichische Bundesregierung, die Inbetriebnahme durch eine Volksabstimmung klären zu lassen. Am 5. November stimmte die Bevölkerung darüber ab, ob das entsprechende Gesetz zur friedlichen Nutzung der Kernenergie in Kraft treten sollte. Das Ergebnis fiel denkbar knapp aus: 50,47 Prozent stimmten dagegen. Rund 30.000 Stimmen machten den Unterschied.

Damit durfte das fertig gebaute Kraftwerk nicht in Betrieb gehen.

Gerade dieser Zeitpunkt macht das Kernkraftwerk Zwentendorf zu einem außergewöhnlichen Projektfall. Die gesellschaftliche Grundsatzentscheidung fiel nicht am Anfang der Planung, sondern praktisch am Ende. Ein Großteil des Kapitals war zu diesem Zeitpunkt bereits gebunden.

Das hatte erhebliche finanzielle Folgen. Nach Angaben zur Geschichte des Standorts waren zunächst rund 650 Millionen Euro in das Projekt geflossen. Bis 1985, als die endgültige Stilllegung beschlossen wurde, summierten sich die Kosten einschließlich Erhaltung auf rund eine Milliarde Euro. Allein die Instandhaltung nach der Volksabstimmung verursachte weitere erhebliche Ausgaben.

Technisch fertig, gesellschaftlich überholt

Zwentendorf lässt sich deshalb nur schwer als gewöhnliches Bauprojekt betrachten. Die technische Umsetzung war nicht das eigentliche Problem. Das Kraftwerk wurde gebaut und hätte grundsätzlich betrieben werden können.

Verändert hatte sich etwas anderes: die Akzeptanz für das Projekt.

Zwischen der ursprünglichen energiepolitischen Entscheidung und der geplanten Inbetriebnahme lagen mehrere Jahre. In dieser Zeit entwickelte sich aus einem vergleichsweise wenig kontroversen Infrastrukturprojekt eine gesellschaftliche Grundsatzfrage.

Genau das macht Zwentendorf interessanter als viele klassische Projekt Fails. Das Projekt scheiterte nicht daran, dass das Gebäude nicht fertig wurde oder eine Technologie nicht funktionierte. Es verlor seine Legitimation, während es gebaut wurde.

AHA-Effekte: Was wir aus dem Zwentendorf-Projekt lernen können

  • Die wichtigste Projektentscheidung kam zu spät.
    Ob Österreich Kernenergie tatsächlich nutzen wollte, wurde endgültig entschieden, als Zwentendorf praktisch fertig war. Für ein Projekt mit enormen Investitionen war das eine ungewöhnlich späte Klärung einer grundlegenden Voraussetzung. Aus Projektsicht stellt sich deshalb die unbequeme Frage, ob die gesellschaftliche Zustimmung nicht hätte geklärt werden müssen, bevor ein Großteil der Investition erfolgt war.
  • Ein stabiler Projektauftrag kann während langer Laufzeiten seinen Rückhalt verlieren.
    Zu Beginn des Projekts schien der politische Kurs klar. Während der Bauzeit änderten sich jedoch öffentliche Wahrnehmung und gesellschaftliche Prioritäten. Bei Projekten, die viele Jahre dauern, reicht die Zustimmung beim Start deshalb nicht zwangsläufig bis zur Fertigstellung. Zwentendorf ist dafür ein besonders drastisches Beispiel.
  • Technische Projektreife und tatsächliche Nutzbarkeit sind zwei verschiedene Größen.
    Vielleicht liegt hierin der stärkste Aha Effekt des Falls: Zwentendorf war kein unfertiges Kraftwerk. Es war ein fertiggestelltes Kraftwerk, dessen eigentlicher Zweck anschließend entfiel. Ein Projekt kann technisch sehr weit gekommen sein und seinen vorgesehenen Nutzen trotzdem vollständig verlieren.
  • Ein Stopp kann trotz hoher versunkener Kosten die richtige Entscheidung sein.
    Nach jahrelanger Planung und hohen Investitionen wäre es leicht gewesen, die bereits ausgegebenen Mittel als Argument für die Inbetriebnahme anzuführen. Die Volksabstimmung führte zum Gegenteil. Die bis dahin entstandenen Kosten änderten nichts an der Entscheidung über die zukünftige Nutzung. Genau dieser Punkt macht Zwentendorf auch aus heutiger Projektsicht bemerkenswert.

Aus dem Kernkraftwerk wurde etwas völlig anderes

Nach dem Nein zur Inbetriebnahme blieb zunächst die Frage, was mit einem vollständig errichteten Kernkraftwerk geschehen sollte. Die Anlage wurde über Jahre erhalten, bevor 1985 die sogenannte stille Liquidierung beschlossen wurde.

Völlig nutzlos blieb der Standort allerdings nicht. Heute gehört das Kraftwerk der EVN. Weil der Reaktor nie mit radioaktivem Material in Betrieb gegangen ist, können Bereiche betreten werden, die in einem laufenden Kernkraftwerk unzugänglich wären. Die Anlage dient unter anderem als Schulungs und Besichtigungsort.

Damit bekam das Gebäude Jahrzehnte später doch noch eine Funktion, nur eine völlig andere als ursprünglich vorgesehen.

Auch energiepolitisch blieb die Entscheidung folgenreich. Nach der Abstimmung wurde die Inbetriebnahme durch das Atomsperrgesetz verhindert. 1999 erhielt Österreichs Verzicht auf Kernenergie mit dem Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich nochmals eine stärkere rechtliche Grundlage.

Zwentendorf und die Frage, wann ein Projekt wirklich gescheitert ist

Das Kernkraftwerk Zwentendorf ist gerade deshalb ein spannender Projekt Fail, weil die übliche Erklärung zu kurz greift. Das Kraftwerk wurde gebaut. Technisch war das Projekt weitgehend abgeschlossen. Dennoch erfüllte es seinen vorgesehenen Zweck nie.

Beim Rückblick bleibt deshalb weniger die Frage hängen, warum das Kraftwerk nicht eingeschaltet wurde. Interessanter ist, warum die grundlegende Entscheidung über seine gesellschaftliche Akzeptanz erst fiel, nachdem so viel bereits gebaut und investiert worden war.

Zwentendorf erinnert daran, dass manche Voraussetzungen eines Projekts wichtiger sind als sein Baufortschritt. Fehlt am Ende die Legitimation für die Nutzung, helfen auch ein fertiges Gebäude und jahrelange Investitionen nicht weiter.

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Autoren

Katja Bäumel ist als PR-Managerin mit den Schwerpunkten „Online- und Bewegtbildredaktion“ bei der GPM tätig. Zuvor war sie, neben diversen Auslandsaufenthalten, als Projektleiterin für die Online-Redaktion von unternehmer.de sowie für Projekte bei der Volkswagen AG, der Deutschen Bank AG und Russell Hobbs verantwortlich.

k.baeumel@gpm-ipma.de