Kritische Situationen haben für mich immer etwas Herausforderndes - egal, ob ich auf einem ausgesetzten Grat stehe oder mitten in einem komplexen Projekt stecke. Ich habe gelernt, dass gute Entscheidungen unter Druck nie auf nur einer einzigen Grundlage beruhen. Für mich ist es immer eine Mischung aus Intuition, Erfahrung und einer klaren Methodik.
In Momenten, in denen es wirklich eng wird, werde ich meist ruhiger. Ich brauche diese Ruhe, um sachlich zu analysieren, was gerade passiert. Mein Bauchgefühl spielt dabei eine Rolle - ich achte sehr darauf, ob ich bei einer Entscheidung ein schlechtes Gefühl habe. Wenn das so ist, zwinge ich mich, noch einmal innezuhalten und genau zu prüfen, ob ich wirklich alle relevanten Faktoren berücksichtigt habe.
Ein wichtiger Teil meiner Vorbereitung besteht darin, immer schon verschiedene Optionen durchzudenken. Ich gehe selten nur mit einem Plan A los. Ob am Berg oder im Projekt: Ich entwickle vorab Plan B, C oder D, damit ich in kritischen Momenten nicht erst anfangen muss, Alternativen zu suchen. Dieses Szenariodenken gibt mir Handlungsspielraum und reduziert den Stress, wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt.
So sehr ich Intuition und Erfahrung schätze - für mich bleibt die Methode das entscheidende Element. Ich nenne das gern eine „methodengeleitete Intuition“. Erfahrung hilft, Muster schneller zu erkennen, Intuition liefert Impulse, aber erst die klaren Abläufe machen Entscheidungen verlässlich. Ich möchte nicht im Ernstfall improvisieren müssen, sondern wissen, wie die nächsten Schritte aussehen.
Besonders deutlich wurde mir das bei meiner ersten Gletscherbegehung in Peru. Obwohl die Passage objektiv nicht gefährlich war, fühlte ich mich extrem unsicher, weil mir das Wissen über Steigeisentechniken und Sicherungsmethoden fehlte. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass fehlendes Know-how Entscheidungen lähmt. Ich habe damals entschieden, einen Grundkurs im Gletscherbergsteigen zu absolvieren, um mir diese Grundlagen anzueignen.
Seitdem lege ich großen Wert darauf, mein Toolset kontinuierlich auszubauen. Für mich bedeutet das nicht nur Techniken oder Standards zu lernen, sondern auch die Abläufe so zu verinnerlichen, dass sie in Stresssituationen abrufbar sind. Gerade, wenn andere Menschen auf meine Entscheidungen angewiesen sind, empfinde ich das als Verantwortung.
Ob am Berg oder im Projekt: Ich vertraue meiner Intuition erst dann wirklich, wenn ich sicher bin, dass ich das nötige Wissen und die methodischen Grundlagen habe. Für mich ist das die Voraussetzung, um ruhig zu bleiben und Entscheidungen zu treffen, die tragfähig sind.
Im Rückblick zeigt sich, dass gute Entscheidungen unter Druck selten nur aus Erfahrung oder nur aus Intuition entstehen. Entscheidend ist, ein methodisches Fundament zu haben, das den Rahmen setzt - und dann auf Erfahrung und Bauchgefühl zu hören. Diese Kombination gibt mir die Sicherheit, auch in schwierigen Momenten handlungsfähig zu bleiben.
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Alexandra Hänig ist zertifizierte Project Director (IPMA Level A), Speakerin, Projektmanagement-Coach und IPMA Assessorin für Projektmanagement. 2022 wurde sie mit dem IPMA Global Individual Award - Project Manager of the Year (Bronze) ausgezeichnet. In ihrem Beruf - und ebenso privat beim Bergsteigen - reflektiert sie, wie Zieldefinition, Stakeholder-Management und Risikoabschätzung jeweils zum Erfolg führen können.
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