
Rückschläge gehören für mich genauso zum Alltag wie Erfolge. Weder in den Bergen noch im Projektmanagement läuft immer alles nach Plan. Entscheidend ist, wie man auf Hindernisse reagiert - ob man sich blockieren lässt oder handlungsfähig bleibt.
Für mich ist ein Problem nie das Ende, sondern der Startpunkt für eine Lösung. Bevor ich überhaupt losgehe, entwickle ich mindestens einen Plan B. Manchmal ist es auch ein Plan C oder D. Dieses Vorgehen hilft mir, flexibel zu bleiben, wenn sich Bedingungen ändern. Ich verlasse mich nicht darauf, erst spontan Alternativen zu suchen, sondern habe Varianten schon im Kopf.
Wenn ein Ziel plötzlich außer Reichweite gerät, versuche ich, die Rahmenbedingungen anzupassen, anstatt mich über die Einschränkungen zu ärgern. Am Berg kann das bedeuten, eine andere Route zu wählen, zusätzliche Pausen einzulegen oder eine Abholung zu organisieren. Im Projektumfeld prüfe ich, welche Ressourcen umverteilt oder Prioritäten angepasst werden müssen, um trotzdem Fortschritte zu erzielen.
Ich habe gelernt, dass immer das schwächste Glied die Geschwindigkeit und Reichweite eines Teams definiert. Das kann ein weniger trainiertes Gruppenmitglied am Berg sein oder im Projekt der Experte, der gerade am wenigsten Zeit hat. Für mich ist das keine Schwäche, sondern eine Rahmenbedingung, mit der ich konstruktiv arbeite. Statt zu bewerten, richte ich den Fokus darauf, wie das Team insgesamt bestmöglich unterstützt werden kann.
In schwierigen Situationen hilft mir die Definition einer klaren Mindestanforderung. Wenn das Idealziel nicht erreichbar ist, gibt es trotzdem ein unteres Ziel, das unbedingt eingehalten werden muss. Am Berg könnte das heißen: sicher im Dunkeln am Ziel anzukommen, auch wenn der Weg länger oder weniger attraktiv ist. Im Projekt bedeutet das, den minimal notwendigen Erfolg zu definieren, um Schaden zu vermeiden oder die Basis für einen neuen Anlauf zu schaffen.
Ich bin überzeugt davon, dass man Notfallszenarien trainieren sollte, um im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. Beim Bergsteigen gehören Sturztrainings zum Standard, um die Angst zu verlieren und automatisiert reagieren zu können. Im Projektmanagement wird das viel zu selten praktiziert. Dabei kann ein durchgespieltes Krisenszenario - etwa ein plötzlicher Ausfall von Schlüsselpersonen - enorm dabei helfen, unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Wenn etwas nicht klappt, versuche ich, meine Energie nicht in Schuldzuweisungen zu stecken. Stattdessen fokussiere ich mich auf die Frage: „Was ist jetzt der nächste sinnvolle Schritt?“ Diese Haltung macht es leichter, mit Rückschlägen produktiv umzugehen und den Blick nach vorn zu richten.
Rückblickend habe ich gelernt, dass es vor allem das Vertrauen in die eigene Vorbereitung und die Fähigkeit zur Anpassung ist, die Stabilität gibt. Wenn ich weiß, dass ich verschiedene Optionen vorbereitet habe und auch im Notfall reagieren kann, sinkt der Druck erheblich. Dieses Vertrauen entsteht nicht von selbst, sondern durch Übung, Erfahrung und eine klare Strategie.
Rückschläge lassen sich weder im Gebirge noch im Projekt ganz vermeiden. Entscheidend ist, sie nicht als Scheitern zu interpretieren, sondern als Chance, den Kurs anzupassen. Mit einer flexiblen Planung, klaren Mindestzielen und dem Mut, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, bleiben große Herausforderungen handhabbar - und oft ergeben sich daraus neue Wege, die man vorher gar nicht gesehen hat.
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Alexandra Hänig ist zertifizierte Project Director (IPMA Level A), Speakerin, Projektmanagement-Coach und IPMA Assessorin für Projektmanagement. 2022 wurde sie mit dem IPMA Global Individual Award - Project Manager of the Year (Bronze) ausgezeichnet. In ihrem Beruf - und ebenso privat beim Bergsteigen - reflektiert sie, wie Zieldefinition, Stakeholder-Management und Risikoabschätzung jeweils zum Erfolg führen können.
info@alexandra-haenig.eu
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