Manchmal reichen keine Checklisten, kein kühler Kopf und keine Routine. Dann tritt ein Moment ein, der alles in Frage stellt - sowohl am Berg als auch im Projekt. Ich kenne Situationen, in denen Ängste überhandnehmen und rationale Überlegungen kaum noch durchdringen.
Auf einer anspruchsvollen Bergtour habe ich einen Moment erlebt, der mich an meine Grenzen brachte. Auf einer Passage aus Schnee und Geröll wuchs in mir die Überzeugung, dass ein Abrutschen tödlich enden könnte. Die bekannten Sicherungstechniken waren hier nur schwer anzuwenden. Trotz meiner Erfahrung und dem Wissen, dass das Risiko objektiv beherrschbar war, entwickelte sich eine tiefe Panik. Die Angst war so mächtig, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, dem Bergsteigen ganz den Rücken zu kehren.
Der Wendepunkt kam unerwartet: Am Gipfel habe ich mich mit dem Karabiner in die Sicherung eingeklinkt. Diese simple Handlung wirkte wie ein Schalter - die körperliche Rückversicherung durch die feste Verankerung nahm der Panik ihre Kraft. Plötzlich war klar: Ganz gleich, was passieren würde, ein Absturz war ausgeschlossen. Mein Kopf konnte wieder übernehmen, das Gefühl der Bedrohung wich.
Solche Erlebnisse lassen sich überraschend gut auf den Projektalltag übertragen. Auch dort erlebe ich immer wieder, dass Menschen Ängste entwickeln, wenn Unbekanntes oder Unkontrollierbares bevorsteht. Besonders deutlich wird das bei Projekten, die tief in etablierte Abläufe eingreifen - etwa bei der Einführung neuer Software, bei Reorganisationen oder bei der Digitalisierung von Prozessen. Die Sorge um Verantwortlichkeiten oder die eigene Rolle ist oft größer als die objektive Bedrohungslage.
Eine wichtige Erkenntnis aus dieser Zeit lautet für mich: Wer Angst hat, dem hilft keine noch so schlüssige Argumentation. Der Versuch, Unsicherheiten sofort mit Logik zu entkräften, verstärkt im Zweifel nur den Widerstand. Viel wichtiger ist es, die Emotionen zunächst ernst zu nehmen und anzusprechen. Damals war es ein einziger Satz meines Bergführers - „Du wirst heute nicht sterben.“ - der mir Orientierung gab. Im Projektkontext kann ein ähnliches empathisches Signal entscheidend sein, um Vertrauen zu schaffen.
Nach der emotionalen Anerkennung folgt für mich der zweite Schritt: Sicherheit schaffen. Am Berg war es der Karabiner, der mir ein sofort spürbares Gefühl von Kontrolle vermittelte. In Projekten können klare Vereinbarungen, transparente Verantwortlichkeiten oder Testphasen eine ähnliche Funktion übernehmen. Wenn alle wissen, dass es ein verlässliches Netz gibt, sinkt der Stresspegel deutlich.
Eine weitere prägende Erfahrung hatte ich auf einer Gletschertour in Peru. Obwohl die Passage objektiv ungefährlich war, sorgte mein mangelndes Wissen über Gletschersicherungstechniken für ein Gefühl der Bedrohung. Meine Reaktion war konsequent: Ich habe einen Grundkurs im Bergsteigen gebucht, um mir das nötige Know-how anzueignen. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie entscheidend fundiertes Wissen für die persönliche Sicherheit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist.
In Projekten gilt für mich dasselbe Prinzip. Wer sich unsicher fühlt, braucht keine bloße Beruhigung, sondern konkrete Kenntnisse, die Kompetenz vermitteln. Schulungen, Workshops oder Coachings können helfen, die Lücke zwischen Anforderung und Handlungssicherheit zu schließen. Wissen wirkt nicht nur rational, sondern auch emotional stabilisierend.
Diese Beispiele haben mir eindrucksvoll gezeigt: Angst ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine natürliche Reaktion auf unsichere Situationen. Entscheidend ist, wie Teams und Führungskräfte damit umgehen. Wer Emotionen anerkennt, Sicherheit herstellt und Kompetenzen aufbaut, schafft den Raum, um selbst größte Herausforderungen zu meistern - am Berg wie im Projekt.
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Alexandra Hänig ist zertifizierte Project Director (IPMA Level A), Speakerin, Projektmanagement-Coach und IPMA Assessorin für Projektmanagement. 2022 wurde sie mit dem IPMA Global Individual Award - Project Manager of the Year (Bronze) ausgezeichnet. In ihrem Beruf - und ebenso privat beim Bergsteigen - reflektiert sie, wie Zieldefinition, Stakeholder-Management und Risikoabschätzung jeweils zum Erfolg führen können.
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