
Wer sich in schwindelerregende Höhen wagt, weiß: Jede Entscheidung kann weitreichende Folgen haben. Zwischen dem sicheren Aufstieg am Berg und dem steinigen Weg durch komplexe Projekte gibt es zahlreiche Parallelen. Im Zentrum steht dabei immer die Frage: Wie lassen sich Risiken erkennen, bewerten und kontrollieren?
Eine zentrale Erkenntnis aus dem Bergsport lässt sich auf den Projektalltag übertragen: Die Einschätzung von Risiken ist kein einmaliger Akt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Ein Weg, der bei Sonnenschein leicht zu bewältigen ist, kann bei Regen plötzlich lebensgefährlich werden. Vergleichbar sind Projekte, die sich unter idealen Bedingungen problemlos entwickeln, aber durch unvorhersehbare Ereignisse wie Krankheitswellen oder externe Störungen ins Wanken geraten. Regelmäßiges Prüfen der aktuellen Lage wird so zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.
Bereits in der frühen Projektphase Risiken zu identifizieren und zu bewerten, gehört zum professionellen Handwerk. Wer gleich zu Beginn Szenarien durchdenkt, spart später Zeit und Kosten. Entscheidend ist es, früh zu klären, was passiert, wenn einzelne Vorhaben nicht wie geplant verlaufen. Im alpinen Bereich kann diese Denkweise über Gesundheit, Leben und Tod entscheiden - im Projektmanagement über den Erfolg oder das Scheitern eines Vorhabens.
Ein Unterschied fällt jedoch auf: Während beim Bergsteigen stets präsent ist, dass falsche Einschätzungen schwerwiegende Konsequenzen haben, zeigt sich in Projekten häufig eine sorglose „Das wird schon“-Haltung. Dieses Muster birgt erhebliche Risiken, denn auch in Organisationen wird im Ernstfall Verantwortung eingefordert. Ein transparenter Umgang mit Entscheidungsgrundlagen und Konsequenzen hilft, Verantwortlichkeiten eindeutig zu klären.
Das Bewusstsein für mögliche Risiken wird nicht als Belastung, sondern als Vorteil betrachtet. Wer Risiken kennt, kann sie entweder akzeptieren oder gezielt gegensteuern - sei es präventiv durch vorausschauende Planung oder korrektiv durch schnelles Handeln. Eine bekannte Untersuchung des Beratungshauses Gartner deutet darauf hin, dass etwa 20 Prozent aller Projekte nicht gestartet würden, wenn alle Risiken transparent auf dem Tisch lägen. Im Bergsteigen gilt dieses Prinzip in noch existenziellerer Weise: Viele Routen verlieren ihren Reiz, sobald die reale Gefahr vollständig bekannt ist.
Im Alpinismus gehört das Üben von Notfallsituationen zur Standardroutine. Beim Klettern wird regelmäßig trainiert, wie ein Sturz gehalten wird, um Angst abzubauen und reflexhaft reagieren zu können. Diese Herangehensweise bietet auch Projektteams wertvolle Anregungen: Wer Krisen in Form von Szenarien und Übungen simuliert, kann im Ernstfall schneller und professioneller agieren.
Trotz aller Vorbeugung bleibt ein Rest an Unsicherheit bestehen. Projektmanagement ist keine Disziplin, die auf vollständige Risikovermeidung abzielt. Vielmehr geht es darum, vorbereitet zu sein, um schnell handlungsfähig zu sein, wenn Unvorhergesehenes eintritt. Der Anspruch, jede Eventualität ausschließen zu wollen, führt in der Praxis häufig zu lähmender Komplexität.
Ob am Fels oder in der Projektlandschaft: Ein professioneller Umgang mit Risiken beginnt mit einer klaren Haltung. Vorausschauendes Denken, regelmäßige Neubewertung und praktische Übungen machen den entscheidenden Unterschied. Wer diese Prinzipien verinnerlicht, schafft belastbare Strukturen - in Extremsituationen wie auch im Arbeitsalltag.
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Alexandra Hänig ist zertifizierte Project Director (IPMA Level A), Speakerin, Projektmanagement-Coach und IPMA Assessorin für Projektmanagement. 2022 wurde sie mit dem IPMA Global Individual Award - Project Manager of the Year (Bronze) ausgezeichnet. In ihrem Beruf - und ebenso privat beim Bergsteigen - reflektiert sie, wie Zieldefinition, Stakeholder-Management und Risikoabschätzung jeweils zum Erfolg führen können.
info@alexandra-haenig.eu
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