Am 8. September 2026 wurden die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 veröffentlicht. Rund 760.000 15-Jährige aus 91 Staaten und Volkswirtschaften weltweit haben daran teilgenommen. Deutsche Schülerinnen und Schüler schneiden so schlecht ab wie nie zuvor.
„Die Ergebnisse sind ein vorhersehbares Desaster und zeigen politisches Versagen.“ (Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschüler*innen-Konferenz (BSK): https://bundesschuelerkonferenz.com/pisa-2025-kein-schock-sondern-ein-vorhersehbares-desaster)
Dazu passt, dass Jahr für Jahr tausende junge Menschen aufs Abstellgleis geschoben werden. Knapp 56.000 Schülerinnen und Schüler haben im Jahre 2023 die allgemeinbildende Schule nach dem Ende ihrer Schulpflicht ohne Schulabschluss verlassen. Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/bildung/bildung-in-deutschland-immer-mehr-jugendliche-verlassen-die-schule-ohne-abschluss-a-f0036c40-1777-4162-bb34-ef920f63bdcb
Die Ursachen für das wiederholt schlechte Abschneiden des deutschen Bildungssystems, das von Personalmangel und Bürokratie geprägt ist, sind vielfältig. Das Grundproblem aus Sicht der Schülervertretung: „Wer sich nicht wohlfühlen und nicht partizipieren kann, kann auch nicht lernen.” Leistungsdruck und Mobbing werden neben dem Stress durch soziale Medien häufig als Grund für eine steigende psychische Belastung genannt.
Es geht auch um die Art und Weise, wie und was an deutschen Schulen gelernt wird. PISA legt den Schwerpunkt nicht auf reines Faktenwissen, das auswendig gelernt wird. Im Fokus stehen das Transferdenken und die Fähigkeit, Wissen in neuen Situationen anzuwenden. Genau daran hapert es an deutschen Schulen. Kompetenz- oder Handlungsorientierung sind als Bildungsziele zwar in den meisten bundesdeutschen Lehrplänen verankert. Aber die Umsetzung in den regulären Unterricht gelingt nicht flächendeckend. Immer noch wird überwiegend frontal unterrichtet - jetzt nicht mehr mit Tafel und Kreide, sondern mit dem Whiteboard oder dem Smartboard. Wissensvermittlung ist das vorherrschende Lernformat. Die Ergebnisse dieses „Bulimielernens“ werden in Klausuren oder standardisierten Tests abgefragt – und vergessen. PISA konnte daran bis heute nichts ändern.
Dabei gibt es auch in Deutschland erfolgreiche Vorbilder für zeitgemäßes Lernen. Montessori-Schulen, anthroposophische Waldorfschulen und viele freie Privatschulen in Deutschland sind für ihre alternativen Lernkonzepte bekannt. Sie orientieren sich überwiegend an dem Konzept der Reformpädagogik. John Dewey (1859 – 1952), einer der bedeutendsten und einflussreichsten Vertreter und Wegbereiter der modernen Reformpädagogik, prägte den Begriff des "Learning by Doing". In diesem Prozess des geistigen und physischen Nach-Lebens (reliving), so Dewey, ist das Lernen ein Nebenprodukt. „Der Schüler muss die Gelegenheit bekommen, seine Gedanken durch praktische Anwendung zu erproben, ihren Sinn zu klären und auch ihren Wert selbständig zu entdecken. Nur ein solches Durch-Machen führt zu realer, nicht bloß verbaler Erkenntnis. Der Stoff des Denkens besteht eben nicht nur aus Gedanken, sondern ebenso aus Handlungen und den Beziehungen der Dinge zueinander.“ https://www.hf.uni-koeln.de/en/30542
Dewey wird noch konkreter, wenn er schreibt: Am Anfang steht ein „Zweifel, der den Denkakt in Gang bringt“ (aus Sicht des Projektmanagements wäre das ein Problem oder eine Herausforderung). Daraus folgt für Dewey „eine probeweise Deutung, die in der sorgfältigen Erkundung aller gegebenen Umstände und möglichen Folgen, mündet. Darauf folgt die versuchsweise Ausgestaltung der vorläufigen Annahme, die nun immer bestimmter und in sich geschlossener wird. Daraus resultiert schließlich die Entwicklung eines Planes für das eigene Handeln auf der Grundlage, der auf diesem Wege durchdachten Annahme. Dieser Plan dient dem Handeln, in der Absicht bestimmte Ergebnisse zu erzielen und dadurch die Richtigkeit der Annahme nachzuprüfen. Wenn dabei bestimmte Veränderungen eintreten, so hat sich der Plan bewährt und die Annahmen werden als vorläufig gültig anerkannt. Ist dies nicht der Fall, werden sie abgeändert, und es erfolgt eine erneute Erprobung.“ Das ist im Kern nichts anderes als die Schrittfolge des modernen Projektmanagements!
Die praktische Erprobung des Konzepts fand in der von Dewey gegründeten University Elementary School (Laboratory School“) in Chicago statt. Zwischen 1896 und 1904 diente diese Versuchsschule als echtes „pädagogisches Labor“, um seine Theorien zum erfahrungsbasierten Lernen (Learning by Doing) und zur demokratischen Bildung zu testen.
Zentrales Anliegen Deweys war es, die Verbindung zwischen Schule und Leben herzustellen, indem Schülerinnen und Schüler in authentischen, lebensnahen Projekten, Erfahrungen sammeln und reflektieren konnten. Ist es nicht genau das, was wir mit Blick auf die Entwicklung unserer Gesellschaft aktuell brauchen? Geht es nicht darum, junge Menschen zu befähigen, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen, die wir noch nicht kennen, sie auf Arbeitsplätze vorzubereiten, die noch nicht existieren, Orientierung zu geben, um sich in einer vernetzten Welt zurechtzufinden, in der sie unterschiedliche Perspektiven und Weltanschauungen verstehen und wertschätzen sollen?
Projekte sind Organisationsformen des gesellschaftlichen Wandels. Sie sind der Treibstoff für Innovationen, die unser Land so dringend benötigt. Sie werden von Menschen gemacht, die gelernt haben, komplexe Probleme im Team zu lösen. Wenn das so ist, müsste die Schule nicht genau darauf vorbereiten?
Mit projektorientiertem Unterricht, der die Erfahrung der Schüler sowie die Verbindung von Theorie und Praxis, in das Zentrum des Unterrichts stellt, könnten deutsche Schülerinnen und Schüler den Anforderungen der PISA-Aufgabenformate vermutlich eher gerecht werden und damit auch bessere Ergebnisse erzielen.
Die GPM versucht seit langem, ihren Teil dazu beizutragen, Projektunterricht als Alternative zum Fachunterricht zu etablieren. Seit mehr als 15 Jahren arbeiten Mitglieder der Fachgruppe PM macht Schule daran, Lehrkräfte bei der Realisierung des projektbasierten Lernens (PBL) zu unterstützen. In ihren Workshops lernen Schulleitungen, Projektmanagement für die Schulentwicklung zu nutzen. Es gibt immer mehr sogenannte „Leuchtturmschulen“, die sich auf den Weg gemacht haben, mit der Projektorientierung eine Transformation des Unterrichts und der Schulorganisation anzustoßen. (*) Von einer flächendeckenden Verbreitung sind wir jedoch noch weit entfernt.
Was muss geschehen, damit sich das Lernen an unseren Schulen endlich an der gesellschaftlichen Entwicklung orientiert? Bildungskritiker und Philosoph Richard David Precht forderte in seinem 2013 erschienenen Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ gar eine „Bildungsrevolution“. Damals konnte er noch nicht wissen, dass seine Forderung ein Jahrzehnt später Wirklichkeit werden würde. Allerdings nicht durch einen Aufstand der Lehrkräfte oder der Schülerinnen und Schüler. Es ist die künstliche Intelligenz, die für eine radikale Entwertung herkömmlicher didaktischer Konzepte und die Erschütterung pädagogischer Gewissheiten sorgt, indem sie die Kernpfeiler des klassischen Bildungssystems – Wissensvermittlung, Leistungsbewertung und die Rolle der Lehrkraft – fundamental infrage stellt.
Das starre Konzept des Lernens im Gleichschritt verliert seine didaktische Daseinsberechtigung. Reines Faktenwissen zu reproduzieren, ist als didaktisches Ziel obsolet geworden. Wichtiger wird die Kompetenz, Fragen richtig zu formulieren, Antworten kritisch zu prüfen und selbst Informationen zu produzieren. Herkömmliche Leistungsmessung ist kaum noch zu realisieren. Nicht das Lernergebnis, sondern der Lernprozess selbst rückt in den Fokus. Lehrkräfte werden zu Lernbegleitern, Mediatoren und Coaches.
In dieser Situation bietet die Kompetenzentwicklung in kollaborativen Projekten eine zeitgemäße Lösung. Allerdings wird sie sich nicht von selbst an den Schulen durchsetzen. Die Tech-Konzerne drängen bereits mit maßgeschneiderten KI-Lösungen in den Bildungssektor, um Schulen langfristig an ihre Ökosysteme zu binden. Sie verkaufen „Individualisierung“ als pädagogischen Durchbruch, nutzen sie aber nur als algorithmisches Geschäftsmodell, das auf der Zerlegung von Wissen basiert. Die Vorstellung, Wissen mechanisch in den Kopf zu gießen („Nürnberger Trichter“), kann heute mit KI Wirklichkeit werden. Der „optimale Lernpfad“ ist allerdings kein pädagogischer Pfad, sondern ein mathematisches Optimierungsmodell. Es ist darauf getrimmt, die Verweildauer auf der Plattform zu maximieren und schnelle, abfragbare Testerfolge zu generieren.
Wenn wir verhindern wollen, dass Bildung zunehmend mit dem Bestehen von standardisierten Tests gleichgesetzt wird, müssen wir uns bewegen. Es braucht die Wirtschaft und uns als Eltern und Großeltern, um in der aktuellen Situation innovative Konzepte an den Schulen zu unterstützen. Fangen wir heute noch damit an! Jeder kann an der Schule seiner Kinder im Elternbeirat oder beim Elternabend Einfluss nehmen. Auch die Unternehmen sind gefordert, indem sie noch mehr als bisher mit Schulen kooperieren, um Unterrichtsprojekte mit Ernstcharakter zu ermöglichen – nicht zuletzt eine Maßnahme der Nachwuchsgewinnung.
„Wir haben heute Technologien und Schüler aus dem 21. Jahrhundert, Unterrichtskonzepte aus dem 20. Jahrhundert und eine Lern- und Arbeitsumgebung für Schulen aus dem 19. Jahrhundert.“ Andreas Schleicher, OECD-Bildungsdirektor und internationaler Pisa-Koordinator.
Quelle: Deutsches Schulportal, 16. April 2020: https://deutsches-schulportal.de/unterricht/durch-die-digitalisierung-wird-das-lernen-demokratisiert/
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(*) Universitätsschule Dresden: https://universitaetsschule.org/konzept
GPM Siegel Projektorientierte Schule: https://www.gpm-ipma.de/ueber-die-gpm/aktuelles/detail/siegelverleihung-projektorientierte-schule-1
Dewey-Center Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Universität zu Köln
Universität zu Köln Lehr- und Lernforschung (Dewey Center)
https://www.hf.uni-koeln.de/30542
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Jürgen Uhlig-Schoenian leitet die GPM Fachgruppe Projektmanagement macht Schule. Er informiert über die zunehmende Akzeptanz von Projektmanagement im Bildungsbereich, stellt Best Practices vor und gibt Impulse für einen Meinungsaustausch zwischen Wirtschaft und Schule.
uhlig-schoenian@vr-web.de
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