Klausing: Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich an dieser Stelle bei allen Beteiligten für den großartigen Einsatz, die hervorragende Arbeit, aber vor allem für das entgegengebrachte Vertrauen in dieser außergewöhnlich schwierigen und unsicheren Zeit zu bedanken.
Saoudi: Prof. Klausing, als Präsident der GPM sind Sie ja auch eine Art „Brückenbauer“, denn Ihre Aufgabe ist es auch, dem Verein über die strategischen Ziele hinaus Orientierung zu geben, ihm Sichtbarkeit zu verleihen und ihm an wichtigen Stellen Gehör zu verschaffen. In diesem Auftrag sind Sie viel unterwegs, sind gern gesehener Gastredner und zu Veranstaltungen und Kongressen geladen. Dort platzieren Sie bei wichtigen Akteuren aus Wirtschaft, Forschung, Politik und Gesellschaft das Projektmanagement und die Arbeit der GPM. Doch wenn Sie für die GPM Gespräche mit Entscheidern führen, dann sind das ja keine vereinsinternen Themen, über die Sie ins Gespräch kommen. Es sind vor allem zukunftsweisende Themen mit hoher gesellschaftlicher Brisanz und Relevanz, die Ihre Gespräche prägen und über die Sie dann die Stärken des Projektmanagements in Verbindung setzen. Sie bauen also Brücken über zukunftsweisende gesellschaftsrelevante Themen – die die Menschen bewegen und zu denen sie einen leichten Zugang finden – hin zum Projektmanagement. Daraus sind bereits viele wertvolle Kooperationen entstanden. Doch konnten Sie diese Aufgabe in den vergangen sechs Monaten überhaupt fortführen?
Klausing: Auch wenn wir derzeit physisch nicht mehr so intensiv zusammenkommen wie vorher, führe ich diese Aufgaben selbstverständlich fort und ich kann Ihnen sagen, dass ich selbst überrascht bin, wie hervorragend das auch digital funktionieren kann. Die Leitveranstaltung des Public Sektor für Digitalen Wandel, der Zukunftskongress Staat & Verwaltung, ist in einem Kraftakt des Veranstalters Wegweiser gemeinsam mit dem Schirmherren BMI und den Partnern des Kongresses innerhalb von nur sechs Wochen auf ein digitales Format umgestellt worden. Ich durfte dann das Format im Juni gemeinsam mit den anderen Hauptpartnern eröffnen. Sie hatten zu Beginn unseres Gespräches das Aktionsprogramm „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“ erwähnt, lassen Sie mich das an dieser Stelle noch einmal aufgreifen: Hier gab es in diesem Jahr eine gute Entwicklung. Als Ergebnis des jahrelangen Dialogs mit der öffentlichen Verwaltung hat die GPM 2017 das Aktionsprogramm „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“ initiiert und an die Bundesregierung übergeben. Dem 2018 gegründeten Beirat des Aktionsprogramms gehören Vertreterinnen und Vertreter aus Bund, Ländern und Kommunen an. Ziel des Aktionsprogramms ist es, einen Beitrag dazu zu leisten, die Rahmenbedingungen für die erfolgreiche und gemeinwohlorientierte Umsetzung komplexer öffentlicher Projekte zu verbessern und Projektmanagement auch als Führungs- und Gestaltungsinstrument zu begreifen. Voraussetzung für die Wirksamkeit des Programms ist die Stärkung der Trägerschaft des Programms durch die öffentliche Verwaltung. Dieser Schritt ist in diesem Jahr dadurch gelungen, dass der Beiratsvorsitz, den ich zwei Jahre lang für die GPM innehatte, nun durch die Wahl der Beiratsmitglieder an einen Vertreter der öffentlichen Hand, in Person von Christoph Verenkotte, Präsident des BVA, übergegangen ist. Die Sichtbarkeit von Projektmanagement in der öffentlichen Verwaltung wird auch durch die jahrelange Aktivität der Europäischen Kommission in diesem Feld gestärkt, deren Ansatz PM2 großes Potential für professionalisiertes Projektmanagement in der öffentlichen Verwaltung birgt. Die GPM befindet sich in einem guten Austausch mit der EU Kommission, wie diese Bestrebungen stärker für die öffentliche Verwaltung in Deutschland nutzbar gemacht werden können.
Saoudi: In Ihrer Amtszeit haben Sie für viele weitere Kooperationen den Weg bereitet und das nicht nur im öffentlichen Sektor, wie mit der KGST oder dem BAMF, sondern z. B. auch mit dem VDE, der Südwestmetall oder der DGLR Deutsche Gesellschaft für Luft und Raumfahrt. Und auch durch Ihre Berufung – im Herbst 2017 – in den wissenschaftlichen Beirat der United Leaders Association (ULA), vertreten Sie die GPM in einer der wichtigsten deutschen Führungskräftevereinigungen, mit der Sie aktuell auch eine wertvolle Kooperation anstreben.
Doch lassen Sie uns den Blick wieder ein wenig mehr nach innen richten, denn auch in Ihrer Rolle als Delegierter der GPM und als Mitglied im Ethik-Komitee der IPMA haben Sie die Rolle der GPM innerhalb der IPMA, unserem Dachverband, dem derzeit über 70 internationale Verbände angehören, spürbar gestärkt.
Klausing: Die IPMA bietet ja das internationale System, in dem wir uns als GPM mit unserem Verständnis von Projektmanagement bewegen und für welches wir einstehen. In den zurückliegenden Jahren habe ich mich sukzessive in verschiedene Organe der IPMA einfinden können. Dadurch, dass ich als Delegierter der GPM und als ordentliches Mitglied im Ethik-Komitee der IPMA eingebunden bin, können wir inzwischen bereits frühzeitig wichtige Erkenntnisse über die Pläne und Arbeit der IPMA gewinnen und unseren Einfluss bereits im Vorfeld geltend machen und mitgestalten. Gemeinsam mit dem Vizepräsidenten Daniel Stumpf und GPM Mitgliedern, die in der IPMA aktiv sind, sowie auch mit Vertretern der spm und pma, haben wir insbesondere in den letzten Monaten unser Engagement in der IPMA strategisch abgestimmt ausrichten können – so wie es – für den mittlerweile führenden Mitgliedsverein der IPMA – auch angemessen ist.
Saoudi: Prof. Klausing, es gäbe noch eine Vielzahl an spannenden Themen, über die wir heute sprechen könnten, doch lassen Sie es mich mit einer abschließend rückblickenden Frage dazu eingrenzen. Wenn Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurückblicken, was war Ihrer Meinung nach Ihre bisher größte Herausforderung?
Klausing: Als ich 2016 mein Amt angetreten bin, hatte die GPM kurz vorher die größte Strukturveränderung seit ihrer Vereinsgründung 1979 erfahren. Mit Beginn meiner Amtszeit musste die in der Strukturveränderung der GPM entwickelte neue Satzung erst einmal mit Leben gefüllt werden. Das ist mir, gemeinsam mit den verschiedenen Gremien, von Jahr zu Jahr besser gelungen.
Dass dieser Prozess – im Vergleich zu Prozessen in Organisationen der freien Wirtschaft – länger gedauert hat, ist unserer Vereinsstruktur, aber auch dem von mir gewählten – maximal partizipativen Ansatz für den Prozess geschuldet. Warum war mir das wichtig? Die Chance bei der Erstellung eines gemeinsamen Leitbildes und einer neuen strategischen Ausrichtung liegt im Entstehungsprozess selbst, indem die wichtigsten Akteure aktiv beteiligt werden. Am Ende kann ein Werk stehen, das Orientierung bietet, bestehende und künftige Standards der täglichen Arbeit definiert und Handlungsfelder für die Zukunft benennt. Richtig geführt kann so ein Prozess, wie die GPM ihn durchlaufen hat, also über den Dialog, aber auch über Diskussionen um bestehende Werte, Normen und Ziele die Sinnhaftigkeit und das Selbstverständnis der GPM verdeutlichen, die im Arbeitsalltag vieler anderer Organisationen so nicht immer spürbar sind. Ein so gestalteter Prozess kann auch motivierende und nachhaltig kräftigende Wirkung innerhalb einer Organisation entfalten, allerdings nur, wenn der Entstehungsprozess an der Basis verankert ist und im gesamten Entwicklungszeitraum mit ihr rückgekoppelt bleibt.
Saoudi: In dieser Zeit hat sich auch die hauptamtliche Organisation stark entwickelt.
Klausing: Ja, das war ein sehr bedeutender Teil innerhalb des Gesamtprozesses. Im Hauptamt wurden die Abteilungsstrukturen angepasst, das Projekt- und Portfoliomanagement ausgebaut und die Organisation ist insgesamt reifer und fachlich professioneller geworden. Viele Erfolge der GPM aus den letzten Jahren sind auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Geschäftsstellen zu verdanken.
Der gesamte Verein hat sich strategisch neu ausgerichtet und einen zukunftsfähigen strategischen Überbau erarbeitet. Angefangen mit unserem Leitbild, welches unsere Vision und Mission beschreibt, über die mit allen Mitgliedern gewählten, gemeinsamen Werten, hin zu den 2018 verabschiedeten strategischen Zielen – insbesondere für einen mittelgroßen Verein, ist dies wirklich eine großartige Errungenschaft.
Diese Transformation war und ist essenziell, um die GPM intern zu stabilisieren und neu auszurichten und hat meines Erachtens viel dazu beigetragen, dass wir in den vergangenen sechs Monaten – unter dem Einfluss der Corona-Krise – so gut zusammenarbeiten und so effektiv handeln konnten. Er war allerdings auch notwendig, damit ich – um es mit Ihren Worten zu sagen, als „Brückenbauer“ – das Projektmanagement und die Arbeit der GPM bei wichtigen Entscheidern auch erfolgreich und zielgerichtet platzieren kann.
Saoudi: Prof. Klausing, Ihre Amtszeit endet mit diesem Jahr. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Werden Sie der GPM für weitere fünf Jahre erhalten bleiben?
Klausing: Ich hoffe ganz klar, die GPM auch noch eine weitere Amtszeit führen und weiterentwickeln zu dürfen. Nach einiger Überlegung halte ich dies für den richtigen nächsten Schritt und habe deswegen meine Kandidatur für weitere fünf Jahre angekündigt.
Saoudi: Was waren konkret Ihre Überlegungen in dieser Sache?
Klausing: Nun, die aktuelle Situation legt nahe, dass eine gewisse Kontinuität und Stabilität für den Verein wichtig sind – ich bin überzeugt, gemeinsam mit Herrn Stumpf, die GPM weiter sicher durch die Krise und aus ihr hinaus steuern zu können. Wir sollten jetzt als Verein keine Energie auf einen Kurswechsel verwenden, die benötigen wir dringen an anderer Stelle. Ich möchte außerdem die erwähnten Dialoge und Kooperationen für die GPM weiterführen – viele fangen ja erst jetzt an erste Früchte zu tragen und ich fände es für alle Beteiligten sehr schade, wenn diese nun nicht geerntet werden könnten.
Außerdem – und das darf man nicht vergessen – sind wir erst seit knapp einem Jahr zu zweit im Präsidium – davon nun über sechs Monate in der Corona-Krise. Für meine Arbeit heißt das, dass ich mich erst mit dem Amtsantritt von Vizepräsidenten Daniel Stumpf voll auf meine präsidialen Aufgaben konzentrieren kann. Und ich würde gerne sehen, was unsere Zusammenarbeit in den kommenden Jahren noch alles erreichen kann.
Klaus Wagenhals
25.01.2024 – 19:13
ein schönes und spannendes Interview - danke Frau Saoudi und danke Herr Prof. Klausing. man könnte noch so viel fragen - z.B. kommt für mich im Interview das Thema interner Change etwas kurz weg und die vielfältigen Hürden - das ist ja nicht nur eine Frage der Beteiligung, der Gespräche, der Strategie und deren Umsetzung. ich erlebe leider im Zusammenhang mit der Tatsache, dass Sie Herr Klausing angekündigt haben, eine weitere Amtszeit gestalten zu wollen, üble Kommunikation und "traditionelle Haltungen" von Mitgliedern unseres Vereins, die mich an alte Zeiten erinnert. Insofern würde ich da fragen wollen, ob der Hinweis auf die wertvolle Arbeit der Werte-Gruppe genügt, oder ob man dazu nicht persönliche Gespräche mit klarer Orientierung führen (es heisst nicht umsonst "führen") muß. soweit mal meine Kommentierung. HG und weiter so. Klaus Wagenhals