Künstliche Intelligenz verändert das Projektgeschäft schneller, als viele Organisationen ihre Rollen, Prozesse und Kompetenzmodelle anpassen können. Die Studie „Projektmanagement im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ der Alma Mater Europaea Universität in Zusammenarbeit mit der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. hat untersucht, wie erfahrene Projektfachleute diese Entwicklung einschätzen und welche Konsequenzen sie für Projektmanagerinnen und Projektmanager, Organisationen, Bildungsanbieter und Berufsverbände hat.
Künstliche Intelligenz ist im Projektmanagement keine Zukunftsvision mehr. Generative KI erstellt Berichte, fasst Besprechungen zusammen, strukturiert Anforderungen und bereitet die Kommunikation vor. Predictive Analytics kann Terminabweichungen erkennen, Risiken bewerten und Prognosen erstellen. In Zukunft werden KI-Agenten möglicherweise ganze Arbeitsabläufe vorbereiten, koordinieren und teilweise eigenständig ausführen.
Damit erreicht KI den Kern des Projektgeschäfts. Projekte, Programme und Portfolios sind informations-, kommunikations- und entscheidungsintensive Arbeitsformen. Sie produzieren große Datenmengen, erfordern laufende Abstimmung und müssen häufig unter hoher Unsicherheit gesteuert werden. Genau hier liegen die Stärken moderner KI-Systeme.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob KI das Projektmanagement verändert, sondern wie tiefgreifend dieser Wandel sein wird und welche Rolle Menschen künftig übernehmen.
An der Befragung der Studie beteiligten sich 300 Projektfachleute aus Deutschland. Die Teilnehmenden verfügten im Durchschnitt über 18,3 Jahre Erfahrung im Projektgeschäft und verbrachten durchschnittlich 72,2 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Projekten, Programmen oder Portfolios. Es handelt sich somit nicht um allgemeine Einschätzungen zur Zukunft der Arbeit, sondern um die Perspektiven erfahrener Praktikerinnen und Praktiker.
58 Prozent der Befragten arbeiteten in Managementrollen, beispielsweise als Projekt- oder Programmmanager. 26 Prozent waren in unterstützenden Funktionen wie PMO, Projektcontrolling oder Beratung tätig. Weitere 16 Prozent nahmen steuernde Rollen ein, etwa als Portfolioverantwortliche, Projektauftraggeber oder Mitglieder von Lenkungsausschüssen.
Die Befragten zeigen eine bemerkenswert hohe Offenheit gegenüber KI. Auf einer Skala von 1 bis 7 erreicht die Aussage, künftig mehr KI im Projektmanagement einsetzen zu wollen, einen Mittelwert von 6,0. Auch die Erwartung, dass KI die Leistungsfähigkeit im Projektgeschäft verbessern wird, wird mit einem Mittelwert von 5,9 sehr positiv bewertet.
Projektfachleute sehen KI demnach nicht nur als technologischen Trend. Sie erwarten konkrete Vorteile, beispielsweise:
Gleichzeitig zeigt die Studie eine deutliche Lücke zwischen Nutzungsbereitschaft und organisatorischer Realität. Die vorhandenen technischen und organisatorischen Voraussetzungen werden lediglich mit 4,3 bewertet. Noch niedriger fällt die Bewertung der einfachen Anwendbarkeit von KI aus. Sie erreicht nur einen Mittelwert von 3,8.
Die Projektfachleute wollen KI nutzen, stoßen jedoch in ihren Organisationen auf unzureichende Daten, fehlende Integration, unklare Regeln und begrenzte Lernmöglichkeiten.
Besonders aufschlussreich ist die Einschätzung, in welchem Umfang KI künftig Managementaufgaben im Projektgeschäft übernehmen wird.
Für das Jahr 2025 gingen die Befragten von einem durchschnittlichen Substitutionsanteil von 22,2 Prozent aus. Für 2030 steigt der erwartete Anteil auf 51,6 Prozent und für 2035 auf 63,5 Prozent.
Diese Zahlen sind keine exakten Prognosen. Sie zeigen jedoch, wie tiefgreifend erfahrene Projektfachleute den bevorstehenden Wandel einschätzen. Bis 2030 könnte aus ihrer Sicht etwa die Hälfte der heutigen Managementaufgaben automatisiert oder weitgehend von KI unterstützt werden.
Dabei geht es vor allem um datenintensive, wiederholbare und digital abbildbare Tätigkeiten:
Das bedeutet jedoch nicht, dass KI die gesamte Rolle des Projektmanagers übernimmt.
Nur 27 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass klassische Projektmanagementkompetenzen durch KI an Bedeutung verlieren. 59 Prozent widersprechen.
Dieser scheinbare Widerspruch ist zentral für das Verständnis der Studienergebnisse. KI kann einzelne Aufgaben automatisieren, ohne die zugrunde liegende Kompetenz überflüssig zu machen.
Wenn eine KI einen Terminplan erstellt, bleibt die Kompetenz erforderlich, diesen Plan auf Plausibilität zu prüfen, Abhängigkeiten zu verstehen und realistische Zusagen mit Beteiligten auszuhandeln. Wenn ein System Risiken identifiziert, muss ein Mensch beurteilen, welche Risiken tatsächlich relevant sind und welche Reaktionen verantwortbar erscheinen. Wenn KI Entscheidungsoptionen erzeugt, muss weiterhin jemand Zielkonflikte bewerten und Verantwortung für die Entscheidung übernehmen.
Projektmanagement tritt deshalb in eine Phase der Kompetenzrekombination ein. Klassische Kompetenzen lassen sich nicht einfach ersetzen. Sie müssen mit neuen Fähigkeiten verbunden werden:
Je stärker die KI Routinen übernimmt, desto wichtiger werden menschliche Beiträge, die sich nicht ohne Weiteres automatisieren lassen: Sinn vermitteln, Ziele klären, Interessen ausgleichen, Vertrauen schaffen, Entscheidungen legitimieren und Verantwortung übernehmen.
Die Rolle des Projektmanagers verschiebt sich damit von der manuellen Verarbeitung von Projektinformationen zur Gestaltung eines leistungsfähigen Zusammenspiels von Menschen, Daten, Technologien und Entscheidungen.
Im nächsten Beitrag wird diese Entwicklung aus der persönlichen Perspektive der Projektmanagerinnen und Projektmanager betrachtet: Warum sind viele von ihnen bereit, KI zu nutzen – und welche Sorgen, Hindernisse und Erwartungen beeinflussen ihre Entscheidung?
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Dr. Reinhard Wagner hat mehr als 40 Jahre Berufserfahrung und berät Führungskräfte in der Wirtschaft bei der Professionalisierung ihres Projektgeschäfts. Er ist Geschäftsführer der Projektivisten GmbH und ehemaliger Präsident der GPM sowie der IPMA. Seit vielen Jahren ist er maßgeblich an der Weiterentwicklung der PM-Disziplin beteiligt und hat inzwischen 48 Fachbücher sowie hunderte Fachartikel veröffentlicht. Er ist Professor für PM und KI in zwei Doctoral Study Programs der Alma Mater Europaea University in Maribor sowie der Stellenbosch University in Südafrika.
rw@projektivisten.com
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