
American Football wirkt für Außenstehende oft wie ein physisches Kräftemessen. Tatsächlich ist es ein komplex organisiertes System aus Planung, Rollenklärung, Analyse und Entscheidungslogik unter hohem Zeitdruck. Gleichzeitig ist es kein perfektes System. Auch im Spitzensport entstehen Missverständnisse, Ego Konflikte und Fehlentscheidungen. Genau diese Mischung aus Struktur und menschlicher Unvollkommenheit macht den Vergleich mit Projektmanagement interessant.
Die hier beschriebenen Erfahrungen stammen aus dem Umfeld der Schwäbisch Hall Unicorns, mehrfacher Deutscher Meister, die 2023 in der höchsten deutschen Liga, der German Football League, gespielt haben. Betrachtet wird dabei nicht nur der Sport, sondern das American Football Team als System aus klar definierten Rollen, Verantwortungsträgern und Führungsebenen. Dieser Leistungs- und Systemanspruch unterstreicht die Parallelen zum Projektkontext.
Die folgenden Parallelen sind daher keine Idealisierung des Sports, sondern eine Betrachtung eines Systems, das unter Druck funktionieren muss.
Im American Football Team gibt es drei zentrale Einheiten. Die Offense ist für den Angriff zuständig, die Defense für die Verteidigung. Die Special Teams kommen bei besonderen Spielsituationen wie Anstoß oder Field Goal zum Einsatz.
Ein Spielzug beginnt mit dem sogenannten Snap. In diesem Moment wird der Ball ins Spiel gebracht und jede Bewegung muss sitzen. Zeit für Abstimmungsrunden gibt es nicht.
Dieses Prinzip ist unmittelbar auf Projekte übertragbar. Rollenklarheit darf kein Dokument bleiben, das nach Projektstart in Vergessenheit gerät. In kritischen Momenten muss klar sein, wer entscheidet, wer informiert und wer ausführt.
Eine Projektleitung kann sich regelmäßig folgende Fragen stellen:
Unklare Rollen erzeugen Verzögerung. Verzögerung erzeugt Druck. Druck verstärkt Konflikte. Auch im Football Team entstehen Spannungen, wenn Verantwortlichkeiten nicht sauber gelebt werden. Projekte unterscheiden sich hier weniger vom Leistungssport, als man vermuten würde.
Kein American Football Team trainiert ausschließlich an guten Tagen. Trainingspläne werden eingehalten, auch wenn Motivation schwankt. Dennoch ist auch im Spitzensport Motivation ein Thema. Spieler zweifeln, Teams geraten in Formkrisen, interne Spannungen entstehen.
Im Umfeld eines mehrfachen Deutschen Meisters wird jedoch eines besonders sichtbar: Der Anspruch wird vorgelebt. Coaches und Team Captains setzen Maßstäbe in Einsatz, Haltung und Konsequenz. Diese Haltung wirkt ansteckend. Intrinsische Motivation entsteht nicht durch Motivationsreden, sondern durch Vorbild.
Ein klares Ziel wie das Erlangen der Deutschen Meisterschaft setzt enorme Energie frei. Wenn Struktur auf Leidenschaft trifft und ein gemeinsames Ziel greifbar wird, entsteht Dynamik.
Do what you love – love what you do.
Diese Haltung beflügelt ein System. Sie vereint individuelle Ambitionen unter einem gemeinsamen Weg.
Für Projektleitungen bedeutet das: Disziplin ist die Fähigkeit, vereinbarte Prozesse auch bei Widerstand oder Ermüdung aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig entsteht echte Wirksamkeit dort, wo Menschen für das brennen, was sie tun.
Im Alltag zeigt sich das sehr konkret:
Disziplin schützt Projekte vor Aktionismus. Leidenschaft gibt ihnen Energie.
American Football Teams arbeiten mit einem Playbook. Darin sind Spielzüge dokumentiert, die auf typische Spielsituationen reagieren. Diese Spielzüge funktionieren nicht immer. Gegner analysieren sie. Anpassungen sind notwendig. Fehler passieren.
Dennoch reduziert Vorbereitung die Zahl unkontrollierter Überraschungen.
Auch Projekte erleben wiederkehrende Muster. Eine Projektleitung sollte sich fragen:
Ein vorbereitetes Reaktionsmuster reduziert Entscheidungsstress in belastenden Situationen. Vorbereitung bedeutet nicht Starrheit. Sie bedeutet Handlungsfähigkeit unter Druck.
American Football ist stark reglementiert. Gleichzeitig ist das Spiel dynamisch. Coaches analysieren das Verhalten des Gegners und passen Strategien an. Dennoch gelingt Anpassung nicht immer. Fehlentscheidungen bleiben Teil des Systems.
Im Projektkontext gilt dasselbe. Regelmäßige Review Formate sind kein Selbstzweck, sondern strategische Unterbrechungen des operativen Betriebs.
Eine Projektleitung sollte bewusst prüfen:
Ohne diese strukturierten Reflexionspunkte entsteht operative Überlastung. Struktur ist hier Voraussetzung für Flexibilität.
Im American Football Team werden Spiele im Nachgang analysiert. Fehler und gelungene Spielzüge werden transparent betrachtet. Dennoch wiederholen Teams Fehler. Lernen ist kein linearer Prozess.
Fortschritt entsteht selten in großen Sprüngen. Häufig sind es kleine Details: ein Fehler im Assignment, ein neu erlernter Spielzug, eine Tendenz des Gegners aus der Videoanalyse, eine minimale Anpassung in der Aufstellung.
Diese kleinen Erkenntnisse summieren sich. Sie erzeugen einen Prozess, der ein Team am Ende um die Meisterschaft spielen lässt.
Im Projektmanagement ist entscheidend, dass Lernen konkrete Konsequenzen hat.
Eine Projektleitung sollte regelmäßig reflektieren:
Ohne sichtbare Anpassung bleibt Lernen symbolisch.
1% Better Every Day.
Kontinuierliche kleine Verbesserungen entfalten über Zeit enorme Wirkung.
Im American Football Team ist Kommunikation verdichtet. Spielzüge werden über Handzeichen oder Zurufe gesteuert. Gleichzeitig existieren feste Analyseformate und definierte Informationswege. Trotzdem entstehen Missverständnisse.
Projekte benötigen ebenfalls eine klare Kommunikationsarchitektur.
Hier helfen konkrete Prüffragen:
Missverständnisse entstehen häufig aus unterschiedlichen Perspektiven. Eine Projektleitung reduziert diese Reibung, indem sie Begriffe klärt und Annahmen sichtbar macht.
Auch im Spitzensport existieren Ego Konflikte und Konkurrenzdenken. Erfolgreiche American Football Teams funktionieren dennoch, weil ein gemeinsames Ziel über individuellen Interessen steht.
Bei den Schwäbisch Hall Unicorns war das Ziel klar: die Deutsche Meisterschaft. Dieses Ziel war nicht nur formuliert, sondern emotional verankert. Coaches und Captains lebten den Anspruch vor. Einsatz wurde sichtbar gemacht. Verantwortung wurde übernommen.
Intrinsische Motivation entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, Teil von etwas Größerem zu sein. Wenn Leidenschaft und Struktur zusammenkommen, entsteht ein System, das sich gegenseitig stärkt.
Identifikation stabilisiert Teams in Belastungssituationen. Sie reduziert interne Machtkämpfe, erleichtert Priorisierungen und erhöht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Eine Projektleitung kann gezielt daran arbeiten:
Teamidentifikation entsteht nicht durch Appelle, sondern durch konsistentes Führungsverhalten.
American Football ist kein perfektes System. Fehler, Konflikte und Fehleinschätzungen gehören dazu. Dennoch zeigt das American Football Team auf Spitzenniveau, wie Struktur, Disziplin, Vorbereitung, Kommunikation und Teamorientierung zusammenspielen müssen, damit ein komplexes Vorhaben unter Druck funktioniert.
Projektmanagement bewegt sich in einem vergleichbaren Spannungsfeld.
Gestaltbar sind Rollen, Routinen, Reflexionsformate und Kommunikationsstrukturen.
Wenn Menschen für das brennen, was sie tun, wenn Struktur auf Leidenschaft trifft und kleine Verbesserungen konsequent gelebt werden, entsteht ein Feuer im Team. Es brennt für das gemeinsame Ziel. Daraus entsteht echte Wirksamkeit.
Do what you love – love what you do.
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Die GPM Fachgruppe Next Generation Leadership beschäftigt sich mit unterschiedlichen Themen rund um Führung, Teams und Organisation in Projekten. Wir legen den Fokus besonders auf neue Führungskonzepte, die sich aus Umbrüchen in Unternehmen ergeben, wie zum Beispiel agile Leadership und andere hybride Formen.
leadership@gpm-ipma.deLukas leitet das Project Management Office bei der Ersa GmbH und verantwortet PM-Standards, Projektportfoliomanagement sowie Ressourcen- und Controlling-Steuerung. Zuvor führte er Entwicklungsprojekte, etablierte agile Arbeitsweisen und begleitet den Einsatz KI-gestützter Tools. Er besitzt einen M.Sc. in Mathematischer Physik und die IPMA Level D Zertifizierung. Aus über 15 Jahren American Football, darunter das Meisterschaftsfinale 2023 mit den Schwäbisch Hall Unicorns, überträgt er Teamgeist, klare Kommunikation und kontinuierliche Verbesserung in die Projektarbeit.
blog@gpm-ipma.de
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