In der argentinischen Provinz Entre Ríos hatten viele kleine landwirtschaftliche Betriebe und Handwerksunternehmen Schwierigkeiten, ihre Erzeugnisse erfolgreich zu verkaufen. Produkte fanden nur begrenzt Zugang zu größeren Absatzmärkten, teilweise fehlten geeignete Transport- und Vermarktungsstrukturen. Hinzu kam Misstrauen zwischen Erzeugern, Händlern und beteiligten Institutionen.
Das Produktions- und Vermarktungsnetzwerk Red Comercial 127/12 setzte genau dort an. Statt einzelne Betriebe isoliert zu fördern, brachte das Projekt diejenigen zusammen, die die wirtschaftliche Entwicklung der Region beeinflussen konnten. Gemeinsam sollten Probleme benannt, Lösungen entwickelt und vorhandene Ressourcen besser eingesetzt werden.
Das Projektgebiet umfasst rund zwölf Prozent der Provinz Entre Ríos. Etwa 125.000 Einwohnerinnen und Einwohner lebten dort verteilt auf 50 Gemeinden, von denen nur vier mehr als 10.000 Einwohner hatten. Die großen Entfernungen und die kleinteilige Struktur erschwerten insbesondere kleinen Produzenten den Zugang zu Märkten.
Doch fehlende Infrastruktur war nur ein Teil des Problems. Die Ausgangsanalyse beschrieb auch eine geringe Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten. Wer allein produzierte und vermarktete, konnte größere Absatzwege nur schwer erschließen. Gleichzeitig arbeiteten Institutionen teilweise nebeneinander, obwohl sie ähnliche Ziele verfolgten.
Red Comercial 127/12 sollte deshalb nicht nur bessere Verkaufswege schaffen. Das Projekt musste auch Kooperation ermöglichen.
Eine zentrale Rolle übernahmen lokale und regionale Runde Tische, die sogenannten Mesas. Dort kamen Produzenten mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kommunen, staatlichen Beratungsstellen und weiteren Organisationen zusammen.
Der Handlungsbedarf wurde in offenen Veranstaltungen gemeinsam ermittelt. Anschließend konnten öffentliche und private Institutionen ihre Aktivitäten besser aufeinander abstimmen. Projektziele und die Adressaten einzelner Maßnahmen entstanden damit nicht ausschließlich auf Verwaltungsebene, sondern im Austausch mit den Beteiligten vor Ort.
Das Netzwerk erreichte schließlich 50 Kommunen. An 13 regionalen Runden Tischen beteiligten sich insgesamt 1.193 Personen sowie 80 Institutionen. 60 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen. Ziel war eine bestmögliche Vernetzung aller Akteure in der Region.
Gerade für die staatlichen Beratungsstellen hatte diese Struktur einen praktischen Vorteil. Unterstützungsangebote konnten genauer an den tatsächlichen Problemen der Betriebe ausgerichtet werden. Gleichzeitig wurde deutlicher, welche Institution an welcher Stelle helfen konnte.
Aus dem Austausch entstanden konkrete wirtschaftliche Maßnahmen. Vermarktungsstrategien wurden stärker an den Möglichkeiten der kleinen Betriebe ausgerichtet und neue Geschäftsbeziehungen aufgebaut.
Gemeinsam betriebene Verkaufsstände ermöglichten eine direkte Vermarktung. Produzenten nahmen außerdem an Märkten und Verkaufsausstellungen teil. Kontakte zu bestehenden Vermarktungsinstitutionen und zu Großmärkten erweiterten die Absatzmöglichkeiten über das unmittelbare Umfeld hinaus.
Dabei ging es nicht nur darum, fertige Produkte an anderer Stelle zu verkaufen. Auch ganze Produktionsketten wurden weiterentwickelt. Bei Schafswolle reichte der Ansatz beispielsweise von der Erzeugung über eine professionellere Verarbeitung bis zur Vermarktung unter einer eigenen Marke. Weitere Aktivitäten betrafen unter anderem Imkerei, Zitrusfrüchte und Gemüse sowie handwerkliche Produkte.
So entstand aus vielen kleinen Angeboten schrittweise ein Netzwerk, das Produzenten bessere Möglichkeiten eröffnete, ihre Waren sichtbar zu machen und neue Käufer zu erreichen.
Die Wirkung ging über zusätzliche Verkaufsstellen hinaus. Durch die Runden Tische entstanden neue Beziehungen zwischen Produzenten, Institutionen und Kommunen. Auch die Bereitschaft, sich gemeinsam zu organisieren, nahm eine wichtigere Rolle ein.
Besonders deutlich wird das an der Beteiligung von Frauen. Sie wirkten an den lokalen Runden Tischen mit, engagierten sich in Verbänden und Kooperativen und beteiligten sich an gemeinsamen Vermarktungsaktivitäten.
Als weitere Veränderungen werden stärkere Netzwerkbeziehungen und mehr Eigenverantwortung beschrieben. Die Zusammenarbeit sollte zugleich die Fähigkeiten der beteiligten Personen und Institutionen erweitern. Damit entstand neben den wirtschaftlichen Ergebnissen eine Struktur, die weitere Entwicklungen in der Region unterstützen konnte.
Das Projekt zeigt eine Form von Projektmanagement, bei der nicht eine zentrale Stelle alle Lösungen vorgibt. Die wesentliche Aufgabe besteht vielmehr darin, Beteiligung so zu organisieren, dass daraus Entscheidungen und konkrete Aktivitäten entstehen.
Die Runden Tische schaffen dafür einen festen Rahmen. Probleme werden gemeinsam identifiziert und Unterstützungsangebote können anschließend gezielter eingesetzt werden. Gleichzeitig bringt jeder Beteiligte andere Ressourcen und Kenntnisse ein. Die Koordination sorgt dafür, dass diese Beiträge nicht nebeneinanderstehen, sondern auf gemeinsame Ziele ausgerichtet werden.
Gerade bei ländlicher Entwicklung kann diese Form der Projektorganisation entscheidend sein. Einzelne Fördermaßnahmen lösen konkrete Probleme. Ein belastbares Netzwerk kann dagegen auch neue Herausforderungen bearbeiten, weil Beziehungen und Abstimmungswege bereits bestehen.
Die Runden Tische erinnern aber auch an Formen der Bürgerbeteiligung in Deutschland, wo in Stadtvierteln versucht wird, gemeinsam die nächste Umgebung weiterzuentwickeln. Sie sind ein Ergänzungsangebot der Stadtgesellschaft, um den Bürgern die Möglichkeit einzuräumen, Eigenverantwortung und Eigenkreativität zu übernehmen.
Red Comercial 127/12 verbindet deshalb wirtschaftliche Förderung mit einer partizipativen Projektstruktur. Neue Absatzwege sind ein sichtbares Ergebnis. Die langfristigere Wirkung liegt auch darin, dass Kommunen, Produzenten und Institutionen gelernt haben, ihre Vorhaben stärker gemeinsam zu gestalten.
Dieser Beitrag wurde von dem Vortrag „Gemeinsam geht’s besser – Ein Projekt in Argentinien zur Erhöhung des Ernährungs- und Einkommensniveaus in einer ländlichen Region“ von Nicole Podlinski inspiriert. Der Vortrag fand im Rahmen der Online-Veranstaltungsreihe zu den 17 Sustainable Development Goals der GPM Fachgruppe Projektmanagement für bürgerschaftliches Engagement statt und widmete sich dem SDG 2: Kein Hunger.
Keine Kommentare
Die GPM Fachgruppe für bürgerschaftliches Engagement stärkt Projektarbeit im gemeinnützigen Bereich. Ehrenamtlich getragene Vorhaben in Vereinen, Stiftungen oder sozialen Einrichtungen stellen besondere Anforderungen. Die Fachgruppe bietet Austausch, Praxisbeispiele und Impulse zur wirksamen Anwendung von Projektmanagement im Ehrenamt.
pm-fuer-buergerschaftliches-engagement@gpm-ipma.de
Kommentare