Neuer Rollenmix in der VUCA-Welt: Wie verändert sich dadurch Führung und wie verteilen sich Führungsaufgaben neu?
Kurz die Klärung, was wir mit
Rollen meinen (in expliziter Abgrenzung zu Belbins Rollenkonzept, das in den PM-Qualifizierungen oft genutzt wird):
In Anlehnung an das sozialwissenschaftlich-fundierte Rollen-Modell von Moreno (1958) und Lewin (1965) definieren wir Rolle zweifach:
- Sie ist einerseits die kulturell-gesellschaftlich gewordene Handlungs-Stereotype (oft zusammengefasst in einem Berufsbild) bezogen auf verschiedene Aufgaben wie z.B. beim Arzt.
- Sie ist andererseits der auf ein Individuum bezogene Handlungs- und Interpretationsspielraum für die Bearbeitung von Aufgaben in einem bestimmten Kontext – und ist insofern abhängig von der jeweiligen Persönlichkeit, der fachlich-methodischen, sozialen Kompetenz und dem in jeder Person liegenden Potenzial sowie dem zur Verfügung gestellten Rahmen (inkl. der „Enabler“).
Insofern sprechen wir bei der Einführung von SM, PO, soT und darüber hinaus von „agile Coachs“ u.ä. nicht von Rollen, sondern von
neuen Rollen-Sets, die sich vom Rollen-Set eines PL/PM abgrenzen. Wenn sich PL/PM und andere Personen aus dem Projekt-Umfeld darauf bewerben dürfen oder darauf gesetzt werden, dann sollten Sie sich vergewissern, was dies für ihre bisherige Führungsfunktion bedeutet und für die bisher üblichen Führungskonzepte.
Wenn gleichzeitig in der agilen Projektwelt das
Team nicht nur als „Vollzeit-Projekt-Team“ definiert wird, sondern sich zum selbst-organisierenden Team entwickeln soll, dann ist damit die Hoffnung und vielleicht sogar die Strategie verbunden, zumindest einige der bisherigen „Team-Rollen“ so zu erweitern, dass die gewünschte Selbstorganisation auch erreichbar wird (ohne Führungsperson, die von außen draufschaut und entsprechend eingreift). Dazu passt die Hoffnung, ein derartiges Umdenken mit entsprechendem Verhalten z.B. durch die Einführung von Dailys vor dem Kanban-Board, dem Schätz-Poker, verschiedenen Team-Spielen zur Herstellung von Vertrauen usw. zu erreichen. Wir haben aber in unserer Praxis erfahren, dass dies dann am besten gelingt, wenn
es eine gezielte Rollenklärung im Sinne der Verteilung von Führungsaufgaben auf Team-Mitglieder gab und eine „saubere“ Klärung, was in der jeweiligen Kultur und dem dazugehörigen Arbeitszusammenhang unter „Selbstorganisation“ verstanden wird und welche (Rollen-)Erwartungen hieraus abgeleitet wurden.
Neben der Klärung der Rollenerwartungen oder -anforderungen braucht es eine Vergewisserung dessen,
was Führung bedeutet und wie sie sich unter VUCA-Bedingungen verändert (unter Einbeziehung der angesprochenen Klärung, was unter Selbstorganisation verstanden wird):
- Führung meint zunächst mal die „zielgerichtete Beeinflussung von Menschen durch Wort und Tat“; dabei geht es einerseits um die Klärung der Beziehung zwischen dem „Führenden“ und den „Geführten“: Wenn letztere das Ziel kennen, dieses mitdiskutieren und sich (freiwillig) diesem Ziel verschreiben und ihre Kompetenzen zur Zielerreichung einbringen, dann herrscht ein eher beteiligungs-orientiertes Führungsmodell vor. Wenn die „Geführten“ das Ziel nur teilweise kennen, keine Chance haben, dieses zu diskutieren und die Führungsperson die Aufgaben nach ihrem Gusto verteilt, dann herrscht ein Führungsmodell mit dem „command-and-control-Ansatz“ vor. (Natürlich gibt es hier in der Realität viele „Graustufen“.) Damit sind gleichzeitig die gegenseitigen Bilder voneinander bei dem „Führenden“ und den „Geführten“ relevant: Wenn beispielsweise der „Führende“ ein Menschenbild hat, nach dem alle Menschen „Faulenzer“ sind und man ihnen „Beine machen“ muss, dann wird es der agile Ansatz schwer haben.
- Führung im Unternehmen ist immer verbunden mit einer Position in einem Strukturgefüge – ob einfache Hierarchie, Matrix oder Netzwerke/ Kreise – und damit auch mit der Funktion, die generellen Ziele des Unternehmens zu vertreten und ggf. durchzusetzen und mit der Funktion die Wünsche der Beschäftigten und nützliche Rahmenbedingungen zu transportieren bzw. einzurichten. Gerade PL/PM haben jahrelang erlebt, wie von Ihnen erwartet wurde, Führungsaufgaben zu übernehmen, ohne die Position z.B. eines Abteilungsleiters zu besetzen oder gleichgestellt zu sein. Und sie haben‘s gepackt – wahrscheinlich oft mit Hilfe eines entsprechenden Trainings!
Schneider Melanie
25.01.2024 – 19:13
Vielen Dank für diesen Block und sehr interessanten Beitrag.
Aus der aktuellen Erfahrung in einem Großprojekt gibt es exakt die beschriebenen Herausforderungen zwischen dem "Kennen" & "Können" dieser neuen agilen Methode. Wir machen jetzt "agile Projekte" reicht als Vorgabe und zur Umsetzung alleine nicht aus und wird in der Führung im weiteren gerne durch das Festhalten an alten Strukturen und veraltete Führungsansprüchen in der Umsetzung behindert.