Und was bedeutet das nun für das PMO? Können PMOs etwas von New Work lernen?
Astrid Beger: Diese New-Work-Anforderungen können durch gelebte PM-Systematik umgesetzt werden. Davon sind wir überzeugt. Wie? Durch methodenoffene, ganzheitliche „Projekt-Denke“: die ganze Firma als Projektlandschaft. Wir müssen es schaffen, uns als Projektlandschaft zu denken. Nicht: eine Projektlandschaft zu haben. Dann können wir mit PM-Systematik Hierarchien flexibel gestalten, und Ziele für die Unternehmen und die persönliche Entwicklung der Mitarbeiter ein Stück besser anfassen. Mehr gemeinsamen Nutzen daraus ziehen. Blindleistung und schädliches Multitasking besser erkennen. „Wir sind ein PM-System“. Nicht: „Wir haben ein PM-System“.
Mit dem Motto des PMO Tag im Blick – wie sieht aus Ihrer Sicht das ideale PMO aus?
Astrid Beger:Längst haben wir PMler unsere eigene Szene, unser eigenes Milieu. Unsere eigene Portion Arroganz und Abschottung zu anderen Disziplinen. Wir wünschen uns PMOs als Nahtstelle. Als Plattform für Vernetzung. Mit weniger Fach-Chinesisch. Stattdessen wünschen wir uns leichte Sprache im PMO. Am besten denken wir uns komplett als Projekt oder Projektlandschaft.
Wo müsste man ansetzen, um diesen Idealzustand zu erreichen?
Jörg Klein:Der wichtigste, erste Hebel ist die Auswahl von Führungskräften. Hier wird der Schwerpunkt noch zu oft auf Expertenwissen, also technische Fachkompetenz, gelegt. Die Praxis erfolgreicher Großprojekte zeigt, dass dieser Weg in vielen Fällen den Blick auf Führung und Entwicklung von Mitarbeitern verwässert. In Leuchtturm-Projekten mit Signalwirkung finden wir im Führungsteam gute Teamplayer, eher Generalisten oder Quereinsteiger.
Zweitens: Teams anstelle von „Marionettenmeistern“: Einsame Manager an der Spitze finden wir in Erfolgsprojekten nicht. So hatten zum Beispiel die Finalisten des
Deutschen Project Excellence Awards (und seines IPMA Äquivalents) stattdessen durchgehend Kernteams, die gemeinsam das Projekt und seinen Erfolg zu ihrem Ziel gemacht haben. Ein Geben und Nehmen.
Astrid Beger:Dazu gehört auch eine Fehlerkultur, die dem Musketierprinzip ähnelt. Einer für alle. Mit genug Selbstwertgefühl, um ein Umfeld des Vertrauens und des Zuhörens zu schaffen. Spürbare „Macht der leisen Töne“ im Führungsteam. Mut zum Mist bauen. Mit dem Willen, konstruktiv zu debattieren. Sich zu vertrauen, im ersten Moment nur auf dem Sach-Ohr zu hören (siehe: Schulz von Thun’s Vier-Seiten-Modell).
Jörg Klein:Einen dritten Hebel für das ideale PMO würde ich mit „Empowerment statt Delegation“ überschreiben: In welchen Ihrer Tätigkeiten steckt mehr Energie und Umsetzungsstärke? Aufgaben, die Sie selbst wählen oder Aufgaben die Sie delegiert bekommen? Experten müssen bei New Work Ihre Aufgaben selbst wählen können. Im Projekt ist dieser Führungsstil schon deutlich weiter etabliert als in der klassischen Linienfunktion.
Astrid Beger:Nicht zu vergessen ein letzter Aspekt: konsequent von Kunden und Mitarbeitern aus denken! Das Verstehen von „Rollen im Projekt“ ist wichtig. Manager in der Linie und im Projekt: Idealerweise sind dies Generalisten oder Quereinsteiger. Erfahrene und starke Persönlichkeiten, die den Experten Raum für ihre Facharbeit schaffen. Denn der beste Fachmann wird im Team gebraucht. Macht ihn nicht mehr zur Führungskraft. Gebt ihm anderweitig die verdiente Ankerkennung. Tragt auch über die Grenzen der Arbeitszeit dazu bei, die Arbeitskraft zu erhalten und persönliche Stärken zu fördern. Gute Experten können wir uns nicht stricken. Sie wachsen nicht auf Bäumen.
Kommentare