
Es gibt Organisationsmodelle, die auf Konferenzen gefeiert werden. Und es gibt Systeme, die einfach funktionieren.
Mitten im täglichen Verkehrschaos von Mumbai bewegt sich ein Netzwerk aus mehreren tausend Zustellern durch die Stadt. Mehr als 200.000 Essensboxen werden jeden Tag abgeholt, sortiert, in Vorortzügen transportiert, erneut verteilt und pünktlich ausgeliefert.
Kein zentrales Kontrollzentrum koordiniert diese Abläufe.
Kein digitales Dashboard überwacht die Übergaben.
Keine Software optimiert in Echtzeit die Routen.
Und dennoch gilt das System als außergewöhnlich zuverlässig.
Seit rund 125 Jahren arbeitet dieses Netzwerk nach klaren, sichtbaren Regeln. Nicht spektakulär. Nicht technologisch aufgerüstet. Sondern strukturell stabil.
Der Tag beginnt in den Wohnvierteln. Familien füllen das frisch gekochte Essen in stapelbare Metallbehälter. Ein Dabbawala holt die Tiffin-Box direkt an der Haustür ab. Bereits dort ist sie eindeutig gekennzeichnet. Farben, Zahlen und einfache Symbole zeigen an, zu welchem Bahnhof sie transportiert wird, in welchem Viertel sie landet und welcher Zusteller sie zuletzt übernimmt.
Viele der Beteiligten verfügen über nur geringe formale Schulbildung. Das System ist deshalb bewusst visuell konzipiert. Lesekompetenz ist keine Voraussetzung, sondern das Codierungssystem selbst trägt die Information.
Nach der ersten Sammlung werden die Boxen in Gruppen sortiert. An zentralen Bahnhöfen erfolgt eine weitere Bündelung. Kisten werden neu zusammengestellt, damit sie optimal in die Vorortzüge passen. Am Zielbahnhof übernehmen andere Zusteller die Weiterverteilung in die jeweiligen Geschäftsviertel. Kurz vor der Mittagspause steht das Essen auf dem Schreibtisch.
Am Nachmittag beginnt derselbe Weg zurück.
Die Stabilität entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch klar definierte Übergaben und eingespielte Routinen.
Die Dabbawalas folgen keinem Projektmanagement-Modell. Sie arbeiten nicht mit Frameworks, Methodenhandbüchern oder digitalen Planungstools. Und trotzdem funktioniert ihr System unter hoher Komplexität seit Generationen.
Gerade das macht es interessant.
Aus diesem Organisationsmodell ergeben sich Parallelen, die weniger als Anleitung zu verstehen sind, sondern als Anstoß zur Reflexion.
Im Dabbawala-Netzwerk wechselt jede Essensbox mehrfach den Verantwortlichen. Jeder Übergabepunkt ist klar definiert. Niemand muss rätseln, wer nun zuständig ist.
In Projekten entstehen Reibungsverluste häufig genau hier. Aufgaben wechseln zwischen Teams, Ergebnisse werden weitergereicht, Zuständigkeiten sind formal geregelt, aber nicht immer eindeutig gelebt.
Das Beispiel aus Mumbai lenkt den Blick auf eine einfache Frage: Wie klar sind unsere eigenen Übergaben wirklich?
Das Codierungssystem der Essensboxen ist visuell, schlicht und robust. Es funktioniert auch unter Zeitdruck und in einer Umgebung, die wenig Spielraum für Fehler bietet.
Im Projektalltag wächst dagegen oft die Komplexität. Reports werden umfangreicher, Tools differenzierter, Prozesse detaillierter. Die Frage, ob diese Komplexität tatsächlich zur besseren Steuerung beiträgt, wird selten gestellt.
Das Dabbawala-Modell wirkt hier fast wie ein Gegenentwurf: Nicht Vollständigkeit, sondern Lesbarkeit bestimmt das Design.
Jeder Zusteller kennt seinen Abschnitt im Gesamtprozess. Die eigene Rolle ist klar begrenzt und gleichzeitig Teil eines größeren Zusammenhangs. Verantwortung ist sichtbar und praktisch erfahrbar.
In Projekten bleibt Verantwortung dagegen gelegentlich diffus. Aufgaben sind verteilt, doch die Verbindlichkeit entsteht nicht automatisch durch ein Organigramm.
Vielleicht lohnt sich hier ein Perspektivwechsel: Ist wirklich klar, wer für welches Ergebnis einsteht oder nur, wer welche Aufgabe bearbeitet?
Verkehrsstaus, Hitze, Verspätungen, Monsun: die Rahmenbedingungen in Mumbai sind alles andere als stabil. Trotzdem bleibt der Ablauf selbst konstant. Veränderungen werden aufgefangen, ohne das Grundsystem infrage zu stellen.
Auch in Projekten wechseln Rahmenbedingungen. Märkte verändern sich, Anforderungen wachsen, Prioritäten verschieben sich. Flexibilität braucht ein Fundament. Die eigentliche Frage ist, wie stabil die zugrunde liegende Struktur ist.
Die Dabbawalas liefern keine Blaupause für Projektpläne. Sichtbar wird vielmehr ein Organisationsverständnis, das auf klaren Übergaben, reduzierter Komplexität und eindeutiger Verantwortung basiert.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses Beispiels. Es zeigt, dass Stabilität nicht zwangsläufig aus technischer Raffinesse entsteht, sondern aus konsequent gelebter Struktur.
Keine Kommentare
Katja Bäumel ist als PR-Managerin mit den Schwerpunkten „Online- und Bewegtbildredaktion“ bei der GPM tätig. Zuvor war sie, neben diversen Auslandsaufenthalten, als Projektleiterin für die Online-Redaktion von unternehmer.de sowie für Projekte bei der Volkswagen AG, der Deutschen Bank AG und Russell Hobbs verantwortlich.
k.baeumel@gpm-ipma.de
Kommentare