
Was verraten 24 Projektbewerbungen über den Zustand der öffentlichen Verwaltung? Diese Frage drängt sich fast automatisch auf, wenn man alle Einreichungen für den „Roland – Deutscher Verwaltungspreis Projektmanagement“ hintereinander liest. Die Projekte unterscheiden sich erheblich: Sie reichen von der Digitalisierung kommunaler Dienstleistungen über nachhaltige Mobilitätskonzepte bis hin zu Organisationsentwicklung, Gleichstellung oder Künstlicher Intelligenz. Und doch ziehen sich durch viele Bewerbungen gemeinsame Muster, die auf den ersten Blick kaum auffallen.
Auffällig ist dabei weniger, was Verwaltungen tun, sondern wie sie ihre Herausforderungen angehen. Zwischen Projektbeschreibungen, Methoden und Erfolgsfaktoren entsteht das Bild einer Verwaltung, die sich verändert – häufig leise, pragmatisch und weit entfernt von den bekannten Klischees über Bürokratie und Stillstand. Die folgenden zehn Beobachtungen sind keine wissenschaftliche Analyse, sondern Erkenntnisse aus der Gesamtschau aller Bewerbungen.
Viele Projekte beginnen nicht mit der Frage, welches Amt verantwortlich ist, sondern welches Problem gelöst werden soll. Ob der Leipzig-Pass der Stadt Leipzig, das Nutzungskonzept für einen Food Hub der Stabsstelle Wirtschaftsförderung der Stadt Köln oder Meldoo der Landeshauptstadt Saarbrücken – im Mittelpunkt stehen gesellschaftliche Herausforderungen. Erst danach werden Organisation und Zuständigkeiten neu gedacht.
Bemerkenswert ist, wie selten Software selbst als Erfolg beschrieben wird. Digitale Lösungen bilden heute meist nur die Grundlage für bessere Abläufe, mehr Service oder schnellere Entscheidungen. Digitalisierung ist vom eigentlichen Projekt zum selbstverständlichen Werkzeug geworden.
Fast alle Bewerbungen berichten von Workshops, Interviews, Bürgerdialogen oder Hospitationen. Die Pocket Parks der Stadt Bochum, der Food Hub Köln oder die Organisationsentwicklung im Krefelder Standesamt zeigen, dass Innovation häufig dort entsteht, wo unterschiedliche Perspektiven früh zusammengebracht werden.
Gewalt gegen Beschäftigte, offene Verwaltungsdaten, KI in Projekten wie „#transmove“ des Landesbetriebs Straßen, Brücken und Gewässer Hamburg, das KI-gestützte Mobilitätsprognosen entwickelt, oder „Smart City Osnabrück“ der Stadt Osnabrück, in dem KI in mehreren prototypischen Smart-City-Anwendungen eingesetzt wird, oder gesellschaftliche Teilhabe – viele Projekte greifen Themen auf, die politisch sensibel oder organisatorisch anspruchsvoll sind. Die Bewerbungen vermitteln den Eindruck einer Verwaltung, die bereit ist, neue Wege auszuprobieren und Verantwortung zu übernehmen.
Nach außen sichtbar sind oft neue Apps oder digitale Plattformen. Zwischen den Zeilen erzählen viele Projekte jedoch eine andere Geschichte: neue Formen der Zusammenarbeit, interdisziplinäre Teams, veränderte Rollen oder neue Entscheidungswege. Der eigentliche Wandel beginnt häufig innerhalb der Organisation.
In den Bewerbungen tauchen erstaunlich häufig Begriffe wie Vertrauen, Lernen, Beteiligung oder Wirkungsziele auf. Projektmanagement wird immer seltener als Methodensammlung verstanden. Es entwickelt sich zunehmend zu einer Haltung, mit der Veränderung gestaltet wird.
Nicht jedes erfolgreiche Projekt verfügt über Millionenbudgets. Ein digitaler Sozialpass, kleine Grünflächen im Quartier oder ein neues Portfoliomanagement verändern oft den Alltag vieler Menschen stärker als spektakuläre Großprojekte. Wirkung hängt offensichtlich nicht von der Projektgröße ab.
Pilotierungen, Prototypen, Rollouts und kontinuierliche Weiterentwicklung ziehen sich durch viele Einreichungen. Statt nach der perfekten Lösung zu suchen, wird häufiger ausprobiert, bewertet und verbessert – und Projektmanagement als Methode eingesetzt. Das ist für die öffentliche Verwaltung ein bemerkenswerter kultureller Wandel.
Je mehr Bewerbungen man liest, desto seltener fällt die Technik auf. Dafür begegnet einem immer wieder dasselbe Wort – Vertrauen. Vertrauen zwischen Fachämtern, zwischen Politik und Verwaltung oder zwischen Verwaltung und Bürgerschaft. Viele Projekte zeigen, dass nachhaltige Veränderungen nur dort gelingen, wo Menschen bereit sind, Verantwortung miteinander zu teilen.
Wer ausschließlich über Bürokratie spricht, übersieht die vielen engagierten Projektteams, die jeden Tag an besseren Lösungen arbeiten. Die Roland-Einreichungen zeigen eine Verwaltung, die experimentiert, voneinander lernt, moderne Methoden einsetzt und gesellschaftliche Herausforderungen aktiv gestaltet. Natürlich ist nicht jedes Problem gelöst. Aber der Eindruck bleibt: Die öffentliche Verwaltung befindet sich längst im Wandel – oft deutlich weiter, als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus dem „Roland – Deutscher Verwaltungspreis Projektmanagement“ des Jahres 2026:
Die spannendsten Geschichten handeln nicht von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz oder neuen Methoden. Sie handeln von Menschen, die gemeinsam Verantwortung übernehmen und mit professionellem Projektmanagement Veränderungen möglich machen.
Der „Roland – Deutscher Verwaltungspreis Projektmanagement“ macht diese Projekte sichtbar und bietet ihnen eine Bühne. Vor allem aber zeigt er, dass Projektmanagement in der öffentlichen Verwaltung längst keine Nischendisziplin mehr ist, sondern zu einer Schlüsselkompetenz für die Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft geworden ist.
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Sebastian Wieschowski ist PR-Manager mit dem Schwerpunkt „Redaktion und Kampagnensteuerung“ in der Marketing- und PR-Abteilung der GPM. Als ausgebildeter Journalist und leidenschaftlicher Autor hat er es sich zur Aufgabe gemacht, komplexe Themen verständlich und anschaulich zu vermitteln – beispielsweise den Mehrwert von Projektmanagement für die Gesellschaft und den Alltag.
s.wieschowski@gpm-ipma.de
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