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Europa zwischen Russland und China: NATO-Zukunftsforscherin warnt beim PM Forum 2026 vor gefährlichen Fehleinschätzungen

Florence Gaub forderte beim PM Forum in München mehr strategische Vorausschau, einen bewussten Umgang mit Unsicherheit und den Mut zu positiven Zukunftsvisionen. Ihre Botschaft an das Projektmanagement: Entscheidend ist nicht, alle Entwicklungen vorherzusehen, sondern auf unterschiedliche Szenarien vorbereitet zu sein.

München, 8. Oktober 2026 – Die NATO beschäftigt sich mit den schlimmsten denkbaren Zukunftsszenarien – nicht, weil sie wahrscheinlich sind, sondern damit sie möglichst nicht eintreten. Genau darin liegt nach Ansicht der Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin Dr. Florence Gaub die Aufgabe strategischer Vorausschau: Risiken erkennen, unterschiedliche Entwicklungen durchspielen und rechtzeitig Handlungsmöglichkeiten schaffen.  

Mit dieser Botschaft setzte die Leiterin der Forschungsabteilung des NATO Defense College in Rom einen der Höhepunkte am ersten Tag des PM Forum 2026 in München. Rund 700 Projektmanagement-Profis kommen am 8. und 9. Oktober bei dem von der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V. veranstalteten Fachkongress zusammen, um über die Zukunft der Projektarbeit zu diskutieren. In ihrer Keynote „Zukunft denken heißt Zukunft gestalten – Szenarien als Werkzeug für strategische Klarheit“ zeigte Gaub, weshalb zuverlässige Prognosen häufig unmöglich sind und wie sich dennoch fundierte Entscheidungen treffen lassen. Ihre Erkenntnisse aus der geopolitischen Zukunftsforschung lassen sich unmittelbar auf das Projektmanagement übertragen: Entscheidend ist nicht, alle Entwicklungen vorherzusehen, sondern auch unter unsicheren Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. 

Warum aber fällt es so schwer, Entwicklungen zuverlässig vorauszusehen? Gaub benannte drei wesentliche Schwierigkeiten: unzureichende Datenqualität, begrenzte historische Vergleichsmöglichkeiten und Probleme bei der Erkennung wiederkehrender Muster. Hinzu kommen psychologische Verzerrungen, die selbst erfahrene Fachleute zu Fehleinschätzungen verleiten können. Besonders gefährlich sei das Wunschdenken: Wer emotional stark an eine bestimmte Zukunft glaube, neige dazu, widersprechende Informationen auszublenden. Gaub plädierte deshalb dafür, eigene Überzeugungen immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls aufzugeben. „Wenn neue Informationen reinkommen, muss man in der Lage sein, zu sagen: Ich habe mich geirrt“, erklärte sie. Für Projektverantwortliche lässt sich daraus eine wichtige Erkenntnis ableiten: Ein einmal verabschiedeter Projektplan darf nicht zur unumstößlichen Wahrheit werden. Wer an überholten Annahmen festhält, riskiert Fehlentscheidungen – selbst dann, wenn sich die Rahmenbedingungen längst grundlegend verändert haben. 

Wie sich solche Entwicklungen möglichst früh erkennen lassen, erläuterte Gaub anhand sogenannter „schwacher“ Signale. Gemeint sind erste Anzeichen für Veränderungen, aus denen später bedeutsame Trends entstehen können. Neue Technologien, veränderte Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Innovationen könnten solche Frühindikatoren sein. Entscheidend sei, Veränderungen wahrzunehmen, bevor sie offensichtlich werden und alle darüber sprechen.  

Um die Vielzahl denkbarer Entwicklungen beherrschbar zu machen, stellte Gaub eine Systematik vor: die Unterscheidung zwischen Gewissheiten, Ungewissheiten, Risiken und Chancen. Während Gewissheiten auf belastbaren Informationen beruhen, beschreiben Ungewissheiten Entwicklungen, deren Ausgang offen ist. Gaub betonte ausdrücklich, dass Ungewissheit kein negativer Begriff sei. Aus jeder offenen Entwicklung könnten sowohl Gefahren als auch neue Möglichkeiten entstehen.  

Auch für Unternehmen und Projektteams ist dieser Perspektivwechsel relevant: Wer frühzeitig erkennt, wie sich Kundenbedürfnisse, technologische Möglichkeiten oder Erwartungen von Stakeholdern verändern, gewinnt Zeit, um Projekte anzupassen und Chancen zu nutzen. Strategische Vorausschau beginnt damit nicht erst bei der Bewertung bekannter Risiken, sondern bei der Suche nach Entwicklungen, die bislang kaum jemand auf dem Radar hat. 

Wie groß die Folgen falscher Gewissheiten sein können, verdeutlichte Gaub an der aktuellen sicherheitspolitischen Lage. Sie widersprach der Vorstellung, ein Krieg zwischen Russland und der NATO lasse sich für ein bestimmtes Jahr zuverlässig prognostizieren. „Niemand weiß es“, stellte sie mit Blick auf entsprechende öffentliche Vorhersagen klar. Ebenso wenig lasse sich der Verlauf eines möglichen Konflikts präzise bestimmen. „Krieg ist nie das, was man denkt, dass es ist“, erklärte die Zukunftsforscherin. Als besonders problematisch bezeichnete sie die Gefahr unbeabsichtigter Eskalationen, etwa durch einen militärischen Zwischenfall in einer bereits angespannten Situation.  

Zugleich beschrieb sie ein geopolitisches Worst-Case-Szenario, in dem die USA durch einen Konflikt im Pazifik gebunden wären, während Russland gleichzeitig europäische NATO-Staaten angreift. Gaub machte jedoch deutlich, dass die Beschäftigung mit einem solchen Fall keineswegs bedeute, ihn für wahrscheinlich zu halten. Die NATO müsse gerade deshalb über extreme Entwicklungen nachdenken, um deren Eintritt möglichst zu verhindern. Darin liegt eine wesentliche Parallele zum professionellen Risikomanagement: Risiken werden nicht untersucht, weil ihr Eintritt bereits feststeht, sondern damit Verantwortliche vorbeugende Maßnahmen entwickeln können. 

Allerdings dürfe strategische Vorsorge nicht auf die Vorbereitung negativer Szenarien reduziert werden. Gaub betonte, dass militärische Abschreckung nur ein Bestandteil einer umfassenden Strategie sei. Ebenso wichtig seien diplomatische Kontakte, auch zu Staaten, mit denen erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestehen. „Im Wesentlichen ist Diplomatie Netzwerken“, erklärte sie und kritisierte, dass europäische Regierungen ihre Kontakte häufig zu stark aufeinander konzentrierten. Gerade in einer Welt mit zahlreichen aufstrebenden Mächten müsse Europa seine internationalen Beziehungen breiter aufstellen. Für das Projektmanagement lässt sich daraus eine weitere Lehre ziehen: Erfolgreiche Führung besteht nicht allein darin, Risiken zu kontrollieren und Entscheidungen durchzusetzen. Sie verlangt ebenso, unterschiedliche Interessen zu verstehen, Beziehungen aufzubauen und auch mit schwierigen Stakeholdern im Gespräch zu bleiben. Je komplexer das Umfeld, desto wichtiger werden Kommunikation, Perspektivenwechsel und die Fähigkeit, Konflikte rechtzeitig zu entschärfen. Und die Beschäftigung mit der Zukunft wird zu einer zentralen Führungsaufgabe. 

Einen Rückblick auf den ersten Tag des PM Forum 2026 lesen Sie hier.

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Sebastian Wieschowski