
Bayern stellt das Schwimmförderprogramm „Mach mit – Tauch auf!“ zum Ende des Kindergartenjahres 2025/2026 ein. Offiziell läuft das Programm zum 31. August 2026 aus; bereits ausgegebene Gutscheine des Aktionsjahres 2025/2026 bleiben für Kurse gültig, bei denen mindestens eine Unterrichtseinheit zwischen dem 1. August 2025 und dem 31. August 2026 stattfindet.
Die Idee war auf den ersten Blick bestechend einfach: Kinder sollten möglichst früh schwimmen lernen, Eltern sollten für das Thema sensibilisiert werden, und ein staatlicher Zuschuss sollte insbesondere Familien entlasten, für die Schwimmkurse eine finanzielle Hürde darstellen. Gestartet wurde das Programm 2021, auch als Reaktion auf pandemiebedingt ausgefallene Schwimmkurse. Vorschulkinder und zunächst auch Erstklässler erhielten einen 50-Euro-Gutschein für einen Kurs zum Erwerb des Frühschwimmerabzeichens „Seepferdchen“.
Das Ziel war also nicht banal, sondern gesellschaftlich relevant: Schwimmfähigkeit ist Gesundheitsförderung, Teilhabe, Freizeitkompetenz und vor allem Unfallprävention. Das Bayerische Innenministerium selbst bezeichnet die Schwimmfähigkeit von Kindern als essenziell für gesundes Aufwachsen, soziale Interaktion und Sicherheit. Gerade nach Corona war der Handlungsbedarf erheblich. Die DLRG verwies 2022 darauf, dass laut forsa-Befragung 20 Prozent der Grundschulkinder nicht schwimmen konnten; fünf Jahre zuvor waren es noch zehn Prozent. Zudem hatten 37 Prozent der Grundschulkinder kein Schwimmabzeichen.
Trotzdem blieb der Output weit hinter dem Anspruch zurück. Nach Medienberichten und unter Berufung auf das Innenministerium wurden seit Programmstart rund 837.000 Gutscheine bereitgestellt, aber bis Anfang April 2026 nur etwa 127.000 eingelöst. Das entspricht einer Einlösequote von 15,17 Prozent. Die Gesamtausgaben lagen demnach bei 6,67 Millionen Euro, unter anderem für Gutscheine, App-Entwicklung, Flyer und Aufwandspauschalen für Kursanbieter.
Das ist der entscheidende Punkt: Das Problem war offenbar nicht die politische Absicht. Das Problem war die Übersetzung einer guten Absicht in ein wirksames Umsetzungssystem.
Ein Gutschein schafft noch keinen Schwimmkurs. Er schafft Nachfrage. Wirkung entsteht aber erst, wenn Nachfrage, Kursangebot, Wasserflächen, qualifizierte Übungsleiter, einfache Abrechnung, elterliche Information und lokale Koordination zusammenkommen. Genau hier hätte professionelles Projektmanagement einen Unterschied machen können.
Erstens hätte das Programm von Anfang an eine klarere Wirkungslogik gebraucht. Nicht die Zahl verteilter Gutscheine ist ein Erfolgskriterium, sondern die Zahl zusätzlich erreichter Kinder, die tatsächlich an einem qualifizierten Kurs teilnehmen – und idealerweise anschließend sicherer im Wasser sind. Das Seepferdchen selbst ist dabei nur ein Zwischenschritt: Die DLRG weist ausdrücklich darauf hin, dass das Seepferdchen Grundlagen bestätigt, aber noch kein Nachweis sicheren Schwimmens ist. Sicheres Schwimmen wird erst mit weiterführenden Kompetenzen, etwa dem Bronzeabzeichen, belastbarer nachgewiesen.
Zweitens hätte ein Projektansatz frühzeitig die Engpassanalyse in den Mittelpunkt gestellt. Wenn Schwimmbäder fehlen, Wasserzeiten knapp sind, Vereine überlastet sind oder Kursanbieter keinen Anreiz sehen, Gutscheine anzunehmen, bleibt der Gutschein ein Stück Papier. Das Ministerium selbst weist darauf hin, dass Kursanbieter nicht verpflichtet sind, Gutscheine anzunehmen, und dass Anbieter bestimmte Qualifikationen der Kursleitung nachweisen müssen. Beides ist sachlich nachvollziehbar, erhöht aber die Bedeutung eines aktiven Stakeholder- und Kapazitätsmanagements.
Drittens hätte es regionale Umsetzungscluster gebraucht. Schwimmfähigkeit entsteht nicht zentral im Ministerium, sondern vor Ort: in Kommunen, Schulen, Kindergärten, Vereinen, Bädern, Wasserwacht, DLRG und privaten Schwimmschulen. Projektmanagement hätte diese Akteure nicht nur informieren, sondern verbindlich koordinieren müssen: Welche Kommune hat wie viele anspruchsberechtigte Kinder? Welche Wasserflächen stehen zur Verfügung? Wie viele Kursplätze fehlen? Wo können Zusatzangebote in Ferien, Randzeiten oder über interkommunale Kooperationen geschaffen werden?
Viertens hätte das Programm ein konsequentes Monitoring mit Steuerungswirkung benötigt. Eine niedrige Einlösequote hätte nicht erst nach mehreren Jahren politisch auffallen dürfen. Bereits nach den ersten Monaten wären Frühindikatoren möglich gewesen: Verteilquote, Aktivierungsquote, Zahl teilnehmender Anbieter, regionale Kursplatzlücke, Bearbeitungsdauer der Erstattung, Abbruchquoten und soziale Reichweite. Aus diesen Daten hätte man nachsteuern können – etwa mit gezielter Ansprache von Eltern, höherer Anbieterpauschale, vereinfachter Abrechnung, mobilen Kursformaten oder besonderen Kontingenten für Regionen mit niedriger Versorgung.
Fünftens hätte ein professionell geführtes Programm stärker zwischen finanzieller Förderung und struktureller Befähigung unterscheiden müssen. Wenn der Kurs 120 oder 150 Euro kostet, kann ein 50-Euro-Gutschein helfen. Wenn aber gar kein Platz verfügbar ist, hilft er nicht. Wenn Eltern den Gutschein nicht verstehen, keinen passenden Anbieter finden oder die Anmeldung zu kompliziert ist, hilft er ebenfalls nicht. Und wenn Anbieter die Abrechnung als bürokratisch empfinden, wird die Förderung nicht zum Hebel, sondern zur Zusatzlast.
Daraus folgt keine pauschale Kritik an Gutscheinmodellen. Sie können sinnvoll sein, wenn sie Teil eines gesteuerten Umsetzungssystems sind. Das bayerische Programm hätte erfolgreicher sein können, wenn es als Projekt mit klarer Governance, definiertem Nutzen, regionalen Verantwortlichkeiten, messbaren Wirkungszielen und kontinuierlicher Anpassung geführt worden wäre.
Projektmanagement hätte an sechs Punkten angesetzt:
Am Ende erzählt das Seepferdchen-Programm eine typische Geschichte öffentlicher Vorhaben: Politisch ist das Ziel richtig, fachlich ist der Bedarf unstrittig, finanziell stehen Mittel bereit – und dennoch bleibt die Wirkung begrenzt. Nicht, weil Projektmanagement Schwimmen lehren könnte. Sondern weil Projektmanagement helfen kann, aus einem Förderimpuls ein funktionierendes Umsetzungssystem zu machen.
Der Gutschein war ein Instrument. Das Ziel war Schwimmfähigkeit. Genau diese Unterscheidung ist der Kern professioneller Projektsteuerung.
Quellen
Keine Kommentare
Prof. Dr. Peter Thuy ist Diplom-Kaufmann und habilitierter Volkswirt. Nach beruflichen Stationen im Verlagswesen, der Wirtschaftsprüfung und im Hochschulbereich leitete er mehr als 20 Jahre eine private Hochschule ehe er 2022 zum Präsidenten der GPM gewählt wurde.
blog@gpm-ipma.de
Kommentare