Der menschliche Körper unterscheidet biologisch nicht zwischen den Belastungen eines Wettkampfs und denen eines anspruchsvollen Projekts. Für unser Nervensystem spielt es keine Rolle, ob wir am Start eines Ironman-Wettkampfs stehen oder unter hohem Zeitdruck ein wichtiges Kundenprojekt zum Erfolg führen müssen.
Die gleichen Systeme werden aktiviert: Konzentration, Hormonausschüttung, Energieversorgung, Motivation und Regeneration. Dabei profitieren auch Nicht-Sportler erheblich von körperlicher Fitness, da sich diese unmittelbar auf die berufliche Leistungsfähigkeit auswirkt. Ein Beispiel ist die VO₂max. Sie beschreibt die maximale Sauerstoffaufnahme des Körpers. Je höher dieser Wert, desto besser sind Konzentration, Denkleistung und mentale Leistungsfähigkeit.
Unsere Leistungsfähigkeit hängt deshalb sowohl im Sport als auch im Projektgeschäft unmittelbar von unserem körperlichen und psychischen Zustand ab. Hormone wie Adrenalin, Dopamin oder Cortisol beeinflussen täglich unsere Leistungsbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit. Ohne diese biologischen Steuerungsmechanismen wäre der Mensch weder leistungs- noch langfristig lebensfähig.
Wenn Höchstleistungen im Projektgeschäft erbracht werden sollen, lohnt es sich daher, nicht nur auf Methoden, Prozesse und Tools zu schauen, sondern auf die wichtigste Ressource überhaupt: den Menschen.
Die Übertragung von Prinzipien des Spitzensports auf Projektorganisationen zeigt in der Praxis immer wieder, dass nachhaltige Spitzenleistung vor allem auf zwei Faktoren beruht: Selbststeuerung und Simplifizierung.
Noch nie standen Unternehmen so viele Projektmanagement-Methoden, Frameworks und Softwarelösungen zur Verfügung wie heute. Dennoch nehmen Projektverzögerungen, Überlastung und Frustration in vielen Organisationen zu. Häufig werden Projekte unter hohem Zeitdruck gestartet, Ziele sind nicht für alle Beteiligten eindeutig und Mitarbeitende arbeiten dauerhaft am Limit. Die Folge sind sinkende Kreativität, unnötige Reibungsverluste und Projekte, die zunehmend von kurzfristigem Reagieren statt von bewusstem Gestalten geprägt werden.
Die Ursachen liegen dabei nur selten im fehlenden Fachwissen oder in ungeeigneten Methoden. Viel häufiger fehlt die Fähigkeit, die eigene Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen und bewusst zu steuern. Genau darin liegt eine der zentralen Herausforderungen moderner Projektarbeit.
Als Projektmanager auf allen Kontinenten und aktiver Leistungssportler kenne ich beide Welten aus eigener Erfahrung. Bei allen erfolgreichen Athleten zeigt sich eine zentrale Gemeinsamkeit: Sie kennen sich selbst außerordentlich gut.
Sie wissen, was ihnen besonders gut gelingt, wo ihre Grenzen liegen, wann sie leistungsfähig sind und wann sie Erholung benötigen. Vor allem verstehen sie, unter welchen Bedingungen sie ihr volles Potenzial entfalten können. Genau diese Selbstkenntnis bildet die Grundlage nachhaltiger Spitzenleistung. Wer seine Belastungsgrenzen dauerhaft ignoriert, wird früher oder später Leistungseinbrüche erleben. Im Projektalltag gilt dies für Mitarbeitende, Führungskräfte und Projektleitende gleichermaßen.
Im Projektalltag wird häufig erwartet, dass Führungskräfte die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden optimal steuern. In der Praxis ist das jedoch nur begrenzt möglich. Menschen befinden sich in unterschiedlichen Lebenssituationen, verfügen über individuelle Stärken und Bedürfnisse und reagieren sehr unterschiedlich auf Belastung, Motivation und Stress. Auf die perfekte Führungskraft oder einen umfassenden Kulturwandel zu warten, ist deshalb keine erfolgversprechende Strategie.
Nachhaltige Höchstleistung entsteht nicht durch Fremdsteuerung, sondern durch Selbststeuerung. Erfolgreiche Projektmitarbeitende kennen ihre Stärken ebenso wie ihre Grenzen. Sie können ihre Leistungsfähigkeit realistisch einschätzen, kommunizieren ihre Bedürfnisse offen und steuern ihre Energie bewusst. Vor allem übernehmen sie Verantwortung für ihre eigene Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Genau diese Fähigkeiten trainieren Spitzensportler täglich. Im Projektmanagement werden sie dagegen noch häufig unterschätzt, obwohl sie maßgeblich darüber entscheiden, wie leistungsfähig Menschen und Teams langfristig bleiben.
Ein Beispiel aus der Neurowissenschaft: Unser Gehirn macht nur etwa 2 % unseres Körpergewichts aus, verbraucht aber rund 20 % der Energie, die unserem Körper zur Verfügung steht. Jede Unsicherheit, jede Entscheidung und jede Ablenkung beanspruchen zusätzliche Ressourcen. Sinkt das Energieniveau, leiden genau die Fähigkeiten, die wir im Berufsalltag am dringendsten brauchen: Konzentration,
Kreativität und die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen. Deshalb ist professionelles Energiemanagement kein Luxus, sondern ein entscheidender Leistungsfaktor.
Eine der größten Fehlannahmen in Unternehmen besteht darin, Veränderung wie einen Sprint zu behandeln.
Spitzenleistung funktioniert jedoch nicht nach dem Prinzip eines Schalters.
Kein Athlet wird über Nacht zum Ironman-Finisher, Marathonläufer oder Olympiateilnehmer.
Leistungsfähigkeit entsteht durch systematisches Training, konsequente Entwicklung und kontinuierliche Anpassung.
Genauso verhält es sich in Organisationen.
Deshalb besteht meine Arbeit nicht darin, kurzfristige Motivationsimpulse zu setzen, sondern Unternehmen dabei zu unterstützen, leistungsfördernde Verhaltensweisen dauerhaft zu etablieren.
Denn nachhaltige Leistungssteigerung ist ein Entwicklungsprozess – und keine Wochenendmaßnahme.
Viele Unternehmen verfügen heute über hervorragend ausgebildete Mitarbeitende, moderne Technologien und etablierte Projektmanagement-Standards. Trotzdem bleiben Ergebnisse oft hinter den Möglichkeiten zurück. Der Grund liegt darin, dass Leistung immer aus mehreren Faktoren entsteht. Eine einfache Formel bringt es auf den Punkt:
Leistung = Kompetenz × Energie × Motivation
Fehlt einer dieser Faktoren, sinkt die Gesamtleistung unmittelbar.
Die gute Nachricht lautet: Alle drei Faktoren lassen sich gezielt entwickeln.
Genau hier setzen die Erkenntnisse aus dem Spitzensport an. Wer versteht, wie Menschen ihre Leistungsfähigkeit dauerhaft steigern können, verbessert nicht nur individuelle Ergebnisse, sondern erhöht gleichzeitig die Leistungsfähigkeit ganzer Projektorganisationen.
Der wichtigste Erfolgsfaktor moderner Projekte sitzt nicht im Projektmanagement-Tool und auch nicht im Statusbericht.
Er sitzt vor dem Bildschirm. Spitzensportler erreichen Höchstleistungen, weil sie ihre Leistungsfähigkeit bewusst steuern und kontinuierlich weiterentwickeln.
Unternehmen, die diese Prinzipien auf ihr Projektgeschäft übertragen, schaffen die Grundlage für höhere Motivation, bessere Zusammenarbeit und nachhaltigen Projekterfolg.
Genau dort liegt die Herausforderung moderner Projektorganisationen: Die Prinzipien des Spitzensports so zu übertragen, dass sie im Projektalltag einen konkreten Nutzen entfalten.
Selbststeuerung ist jedoch nur die eine Seite der Medaille.
Selbst die leistungsfähigsten Mitarbeitenden stoßen an Grenzen, wenn sie in unnötiger Komplexität arbeiten müssen.
Im zweiten Teil betrachten wir deshalb den vielleicht größten ungenutzten Performancehebel im Projektmanagement: Simplifizierung.
Warum mehr Dokumente, mehr Meetings und mehr Prozesse häufig nicht zu besseren Ergebnissen führen und wie Unternehmen durch weniger Komplexität mehr Wirkung erzielen können.
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René Göldner begleitet seit vielen Jahren Führungskräfte, Projektteams und Organisationen bei Transformations- und Projektvorhaben sowie mit Seminaren zu Projektmanagement, Zusammenarbeit und Spitzenleistung im Beruf. Als Ingenieur und erfahrener Projektmanager verantwortete er internationale Großprojekte in Industrie, Finanzwirtschaft und öffentlichem Sektor, darunter Programme für die Bundeswehr. Seit 2010 vermittelt er als Hochschuldozent praxisorientiertes Wissen im internationalen Projektmanagement. In Seminaren, Trainings und Vorträgen verbindet er bewährte Projektmanagement-Methoden mit Erkenntnissen aus dem Spitzensport, insbesondere zu Selbststeuerung, Leistungsfähigkeit und erfolgreicher Zusammenarbeit. Seit 2017 unterstützt er mittelständische Unternehmen und DAX-Konzerne dabei, Projekte erfolgreicher zu gestalten, Komplexität zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit ihrer Organisationen zu stärken. Als aktiver Triathlet nahm René Göldner unter anderem an der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii teil und wurde Deutscher Marathon-Meister im Team. Die Erfahrungen aus Hochleistungssport und internationalen Projekten fließen direkt in seine Arbeit ein.
Rene.Goeldner@Business-Coach-Bonn.de
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