Um die Besetzung und Qualifikation von Aufsichtsräten dreht sich seit Jahren eine Diskussion in Wirtschaft und Politik – die Ergebnisse dieser Studie untermauern die Notwendigkeit dieser Debatte. Es liegt schließlich auch auf der Hand, dass besonders in Großprojekten die Kompetenz der Aufseher gefragt ist. Nicht langfristige Entwicklungen und turnusmäßige Berichte sind dort hauptsächlich zu beaufsichtigen, sondern dynamische und komplexe Sachverhalte in tiefen technischen, organisatorischen und rechtlichen Abhängigkeiten zueinander. Doch auch generell ist die Frage legitim, was der Zweck eines Aufsichtsgremiums ist, deren Mitglieder das Subjekt ihrer Aufsichtstätigkeit nicht verstehen können.
Zusammenfassung
Die Studie von Funk RMCE und Rödl & Partner stellt Fragen in einem Bereich des (Projekt-)Managements, der noch nicht ausreichend erforscht ist. Hier kommen weiße Flecken in Managementmethodik und der Unternehmensführung zu Tage. Auch wenn es an einigen Stellen der Studie wünschenswert gewesen wäre, dass Fragen trennschärfer formuliert und die Sachverhalte klarer beleuchtet wären, wirft sie doch Licht auf grundlegende Fallstricke des Risikomanagements in Projekten und Unternehmen.
1. Vermeidung in der Risikowahrnehmung
Obwohl das Scheitern von Großprojekten allgegenwärtig ist und regelmäßig in der Presse und Talkshows ausgebreitet wird, leiten die befragten Unternehmen keine Reflexion der eigenen Vorgehensweisen ein. Projektscheitern ist etwas, das immer nur den Anderen passiert, das eigene Risiko wird ausgeblendet. Dieses Phänomen ist auch unter übermüdeten und betrunkenen Autofahrern, bei Extremsportlern, Glückspielern und Rauchern verbreitet.
2. Suche nach Schuldigen
Dieser Punkt schließt nahtlos an den vorherigen an, denn während die Unternehmen keinen Handlungsbedarf aus fremden Projektpleiten ableiten, sind doch die genannten Gründe für Probleme im eigenen Haus entlarvend: Hält man sich nämlich an die Standards der großen Fachgesellschaften für Projektmanagement – ganz gleich ob IPMA oder PMI – sind alle genannten Gründe für Projektscheitern originär im Kompetenzbereich des Projektmanagements zu finden. Vor diesem Hintergrund ist die oben zitierte Empfehlung der Studie „Achten Sie auf ein ausreichend dimensioniertes und entsprechend qualifiziertes Projektmanagement-Team!“ vielleicht doch keine Binsenweisheit, sondern Hinweis auf die Trivialität bei der die Schwierigkeiten von großen Vorhaben beginnen.
3. Blindheit gegenüber Risikobeziehungen
Dass die Chance des einen Projektes auch ein Risiko des anderen Projektes sein kann, dass ein kleines Ausfallrisiko im Subsystem den Zusammenbruch des Gesamten nach sich ziehen kann und wie die Risikovorsorge an einer Stelle die Vulnerabilität woanders erhöht, sind grundlegende Überlegungen, die sich die Mehrheit der befragten Unternehmen gar nicht stellen kann. In diesen Organisationen ist ein Überblick über das gesamte Risikoportfolio nämlich nicht möglich. Zwar ist es wichtig und richtig, wenn jede Einheit ihre eigenen Risiken pflegt und subsidiär verantwortet – die Risikoabhängigkeiten mit schweren Folgen können aber so leicht unentdeckt bleiben. Dass mangelhafte Entrauchungsanlagen Auswirkungen auf den Endtermin haben? Dass zu klein dimensionierte Kabelkanäle massive Probleme in vielen anderen Subgruppen auslösen? Dass ein fehlgeschlagenes Routineupdate am Samstag das Rechenzentrum für eine Woche lahmlegt? Das passiert zum Glück ja immer nur den Anderen.
4. Die Blindheit der Aufseher
In letzter Instanz wären nun diejenigen gefragt, die Sorge für das Ganze tragen. Aber was will man von einem Aufseher, Kontrolleur oder Beirat erwarten, der weder Ahnung von der Materie hat, noch eigenes Managementwissen oder -erfahrung besitzt?
Die Rolle der Aufsichtsgremien rückt weiter in die öffentliche Wahrnehmung. Dabei werden nicht nur Fragen nach Information und Befugnissen von Aufsichtsräten gestellt werden, sondern auch nach der Befähigung der Mitglieder. Lenkungsausschüsse von großen Projekten sind davon keine Ausnahme.
Die Grafiken für diesen Beitrag wurden freundlicherweise von der Funk RMCE GmbH und der Rödl & Partner GmbH zu Verfügung gestellt.
Die komplette Studie „Risiko- und Projektmanagement bei Investitionsentscheidungen und Großprojekten“ kann per Email an Frau Ulrike Meyer angefordert werden: U.Meyer@funk-gruppe.de
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