Es gehört zu den größten Missverständnissen im Projektmanagement, dass der Erfolg eines komplexen Vorhabens automatisch die Summe erfolgreicher Einzelprojekte ist. In der Praxis zeigt sich immer wieder das Gegenteil: Alle Beteiligten liefern ihre Ergebnisse termingerecht, Budgets werden eingehalten und Meilensteine erreicht – dennoch entsteht am Ende kein funktionierendes Gesamtergebnis.
Nicht weil einzelne Projekte schlecht geführt wurden. Sondern weil niemand dafür verantwortlich war, dass ihre Ergebnisse tatsächlich zusammenpassen.
Gerade in Zeiten umfassender Transformationen wird diese Erkenntnis immer wichtiger. Digitalisierung, Nachhaltigkeitsinitiativen oder der Aufbau neuer Geschäftsmodelle lassen sich kaum noch in einem einzigen Projekt bewältigen. Sie entstehen durch das Zusammenwirken vieler Projekte, Fachbereiche und Entscheidungsebenen. Damit verschiebt sich auch die eigentliche Managementaufgabe: Weg von der Optimierung einzelner Projekte – hin zur Gestaltung ihres Zusammenspiels.
Organisationen sind heute hervorragend darin, Projekte zu organisieren. Es gibt etablierte Methoden, erfahrene Projektleitungen und ausgereifte Werkzeuge für Planung, Steuerung und Risikomanagement.
Dennoch treten Probleme häufig genau dort auf, wo diese Instrumente ihre Grenzen erreichen: an den Schnittstellen zwischen Projekten.
Ein Projekt entscheidet sich für eine technische Lösung, die ein anderes Team vor unerwartete Herausforderungen stellt. Ein Zeitplan verschiebt sich und löst eine Kettenreaktion in mehreren Vorhaben aus. Fachbereiche verfolgen unterschiedliche Prioritäten, obwohl sie gemeinsam ein einziges Ziel erreichen sollen.
Solche Situationen sind kein Zeichen mangelnder Projektkompetenz. Sie entstehen, weil klassische Projektorganisationen naturgemäß auf die Verantwortung für einen klar definierten Leistungsumfang ausgerichtet sind. Was außerhalb dieses Verantwortungsbereichs liegt, gerät leicht aus dem Blick.
Gerade diese Zwischenräume entwickeln sich jedoch bei komplexen Vorhaben zum größten Risikofaktor.
Wenn Organisationen mit steigender Komplexität konfrontiert werden, reagieren sie häufig auf zwei Arten.
Der erste Ansatz besteht darin, möglichst viele Aufgaben in einem einzigen Großprojekt zusammenzuführen. Dadurch sollen Abstimmungsaufwand reduziert und Entscheidungen zentralisiert werden. In der Realität wächst jedoch häufig die Komplexität schneller als die Steuerbarkeit. Abhängigkeiten nehmen zu, Prioritäten konkurrieren miteinander und Entscheidungswege werden immer länger.
Der zweite Ansatz verfolgt den umgekehrten Weg. Das Vorhaben wird in zahlreiche kleinere Projekte aufgeteilt. Jedes Team erhält einen klar abgegrenzten Auftrag und stimmt sich mit den übrigen Beteiligten regelmäßig ab.
Auch dieses Modell funktioniert zunächst erstaunlich gut. Doch je mehr Projekte parallel arbeiten, desto stärker hängt der Erfolg von persönlicher Kommunikation, informellen Abstimmungen und individuellem Engagement ab. Solange alle Beteiligten ausreichend Zeit haben und dieselben Prioritäten verfolgen, fällt das kaum auf. Unter Termindruck oder bei veränderten Rahmenbedingungen werden diese informellen Strukturen jedoch schnell zur Schwachstelle.
Beide Ansätze behandeln letztlich nur die Symptome. Sie verändern nicht die zentrale Frage: Wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass aus vielen erfolgreichen Einzelprojekten ein funktionierendes Gesamtergebnis entsteht?
Genau an dieser Stelle unterscheidet sich Programmmanagement vom klassischen Projektmanagement.
Dabei geht es nicht darum, besonders große Projekte zu steuern. Entscheidend ist vielmehr eine andere Form von Verantwortung.
Während einzelne Projekte ihre vereinbarten Ergebnisse liefern, richtet sich der Blick auf das Gesamtsystem. Abhängigkeiten werden aktiv gesteuert, Zielkonflikte frühzeitig entschieden und Risiken dort bearbeitet, wo sie tatsächlich entstehen – zwischen mehreren Projekten.
Ein anschaulicher Vergleich ist ein Sinfonieorchester. Jeder Musiker kann seine Stimme technisch perfekt beherrschen. Trotzdem entsteht erst durch das Zusammenspiel ein überzeugendes Konzert. Der Dirigent bewertet nicht die Qualität einzelner Instrumente, sondern sorgt dafür, dass aus vielen Einzelleistungen eine gemeinsame Interpretation entsteht.
Bei komplexen Veränderungsvorhaben ist diese Integrationsleistung nicht weniger wichtig als die erfolgreiche Durchführung der einzelnen Projekte.
Die eigentliche Erkenntnis reicht jedoch weit über Programmmanagement hinaus.
Mit zunehmender Spezialisierung werden Organisationen immer leistungsfähiger – gleichzeitig wächst aber auch die Zahl der Schnittstellen. Jede organisatorische Einheit optimiert ihre eigenen Ziele, Prozesse und Kennzahlen. Was lokal sinnvoll erscheint, kann auf Systemebene unerwartete Nebenwirkungen erzeugen.
Damit verändert sich auch die Rolle von Führung.
Sie besteht nicht mehr ausschließlich darin, Projekte erfolgreich abzuschließen. Ebenso wichtig ist es, Zusammenhänge sichtbar zu machen, Zielkonflikte transparent zu entscheiden und Verantwortung für das Gesamtergebnis zu übernehmen.
Dabei stellen sich Fragen, die in vielen Organisationen überraschend selten eindeutig beantwortet werden:
Gerade diese Fragen entscheiden darüber, ob eine Organisation komplexe Veränderungen beherrscht oder lediglich viele Projekte parallel durchführt.
Nicht jedes Vorhaben benötigt eine Programmstruktur. Sind Projekte weitgehend unabhängig voneinander und liefern eigenständige Ergebnisse, würde zusätzlicher Koordinationsaufwand kaum einen Mehrwert schaffen.
Anders verhält es sich, wenn der eigentliche Nutzen erst durch das Zusammenspiel mehrerer Projekte entsteht. Dann wird Integration selbst zur Führungsaufgabe.
Für Projektverantwortliche bedeutet das, den Blick bewusst über die Grenzen des eigenen Projekts hinaus zu richten. Entscheidend ist nicht nur, ob das eigene Arbeitspaket erfolgreich abgeschlossen wird, sondern ob es den gewünschten Beitrag zum Gesamtergebnis leistet.
Organisationen sollten deshalb nicht ausschließlich fragen, wie Projekte effizienter gesteuert werden können. Oft ist die wichtigere Frage, ob Verantwortung dort verankert ist, wo die entscheidenden Wechselwirkungen entstehen.
Erfolgreiche Projekte sind eine notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Transformationen – aber längst keine ausreichende.
Je komplexer Vorhaben werden, desto weniger entscheidet die Qualität einzelner Projekte über den Erfolg. Ausschlaggebend ist vielmehr die Fähigkeit einer Organisation, Zusammenhänge zu erkennen, Abhängigkeiten aktiv zu gestalten und Verantwortung für das Gesamtsystem zu übernehmen.
Projektmanagement sorgt dafür, dass Projekte erfolgreich abgeschlossen werden. Nachhaltiger Unternehmenserfolg entsteht jedoch erst dann, wenn aus vielen erfolgreichen Projekten auch ein gemeinsames Ergebnis wird.
Ich halte diese Fassung für deutlich stärker. Der Beitrag steht vollständig auf eigenen Beinen, entwickelt die übergeordnete Erkenntnis journalistisch und erwähnt weder den Ausgangsartikel noch den Autor. Das Fallbeispiel ist nur noch implizit in die Argumentation eingeflossen – genau so, wie es sich für einen Fachbeitrag eignet, der unter Jeff Oltmanns Namen veröffentlicht wird.
Dieser Blogbeitrag ist entstanden auf Grundlage eines englischsprachigen Fachbeitrages im „PM World Journal“:
Oltmann, J. (2026). How to Turn Organizational Silos into Results, PM World Journal, Vol. XV, Issue V, May: https://pmworldjournal.com/wp-content/uploads/2026/05/pmwj164-May2026-Oltmann-Turn-Organizational-Silos-into-Results.pdf
Das PM World Journal zählt zu den international etablierten Fachpublikationen im Projektmanagement. Es erscheint monatlich in englischer Sprache und veröffentlicht Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Praktikerinnen und Praktikern sowie Führungskräften aus aller Welt. Die GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. ist Kooperationspartner des PM World Journals.
Ergänzend dazu bündelt die PM World Library als frei zugängliches Online-Archiv Fachartikel, Interviews, Buchbesprechungen, Forschungsarbeiten und weitere Ressourcen aus dem internationalen Projektmanagement und stellt sie dauerhaft für die Fachöffentlichkeit zur Verfügung.
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Jeff Oltmann ist Principal Consultant bei Synergy Professional Services, LLC, mit Sitz in Portland, Oregon, USA. Außerdem ist er als Dozent im Graduiertenbereich der Abteilung für Management an der Oregon Health & Science University tätig. Jeff unterstützt Unternehmen dabei, wichtige Ideen in koordinierte Maßnahmen umzusetzen, indem er die Kompetenzen in den Bereichen Projektmanagement, Portfoliomanagement und organisatorischer Wandel stärkt.
jeff@spspro.com
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