
Der Bürgerentscheid zum Frankenschnellweg in Nürnberg hat eine Debatte beendet – und gleichzeitig eine neue eröffnet. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Planung, juristischen Auseinandersetzungen und kontroversen Diskussionen besteht nun Klarheit: Das Projekt soll umgesetzt werden.
Für mich zeigt dieses Beispiel aber vor allem eines: Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Deutschland Großprojekte grundsätzlich noch kann. Die entscheidende Frage lautet, wie wir sie künftig planen, steuern und gemeinsam erfolgreich umsetzen.
Ein grundlegendes Missverständnis begleitet viele öffentliche Vorhaben von Anfang an. Wir sprechen über Tunnel, Brücken oder Bahnstrecken und behandeln sie wie technische Bauaufgaben. Tatsächlich sind sie aber auch gesellschaftliche Veränderungsprojekte.
Ein Tunnel ist nie "nur" ein Tunnel. Er verändert Verkehrsströme, Stadtentwicklung, Lebensqualität, Umwelt, wirtschaftliche Perspektiven und politische Erwartungen. Wer ein solches Vorhaben ausschließlich als Bauprojekt versteht, unterschätzt seine eigentliche Komplexität.
Projektmanagement beginnt deshalb nicht auf der Baustelle. Es beginnt mit der Frage, welchen Nutzen ein Projekt überhaupt schaffen soll und wie unterschiedliche Interessen in ein gemeinsames Zielbild übersetzt werden können.
Der Frankenschnellweg macht diese Zusammenhänge besonders deutlich. Über viele Jahre wurde vor allem über Tunnel, Verkehrsführung, Kosten und Planungsverfahren diskutiert. Tatsächlich geht es aber um weit mehr: um Mobilität, Lärmschutz, Stadtentwicklung, Aufenthaltsqualität und die Frage, wie unterschiedliche Interessen miteinander in Einklang gebracht werden können.
Der Bürgerentscheid hat nun den politischen Auftrag für die Umsetzung geschaffen. Damit beginnt jedoch erst die eigentliche Herausforderung. Aus einem politischen Beschluss muss nun ein erfolgreiches Projekt werden. Genau in dieser Phase entscheidet professionelles Projektmanagement darüber, ob Erwartungen erfüllt, Konflikte konstruktiv bearbeitet und das Vertrauen der Öffentlichkeit erhalten werden können.
In der politischen Realität erleben wir häufig das Gegenteil. Kosten werden möglichst niedrig angesetzt, Risiken möglichst klein dargestellt und schwierige Fragen auf später verschoben. Dahinter steckt oft die Sorge, ein Projekt könnte sonst keine politische Mehrheit finden.
Aus Sicht des Projektmanagements ist genau das der falsche Weg.
Wer Risiken verschweigt, beseitigt sie nicht. Wer Kosten kleinrechnet, spart kein Geld. Im Gegenteil: Fehlende Transparenz erzeugt später Misstrauen – und Misstrauen ist einer der größten Kostentreiber in Projekten.
Gutes Projektmanagement bedeutet deshalb, Unsicherheiten offen anzusprechen, unterschiedliche Szenarien zu entwickeln und Entscheidungen auf einer ehrlichen Informationsbasis zu treffen. Das mag anfangs unbequemer sein. Langfristig schafft es jedoch die notwendige Akzeptanz.
Großprojekte scheitern selten an einer einzelnen falschen Entscheidung. Sie scheitern häufig daran, dass ihre Komplexität unterschätzt wird.
Infrastrukturprojekte verbinden technische, rechtliche, ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme miteinander. Hinzu kommen unterschiedliche politische Ebenen, Behörden, Unternehmen, Bürgerinitiativen und Gerichte. All diese Akteure verfolgen legitime Interessen.
Gerade deshalb braucht es professionelles Projektmanagement. Seine Aufgabe besteht nicht darin, möglichst viele Projektpläne zu erstellen. Seine eigentliche Aufgabe besteht darin, diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen, Konflikte frühzeitig sichtbar zu machen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln.
Deutschland ist ein Rechtsstaat. Das ist gut so. Bürgerbeteiligung und gerichtliche Überprüfung sind keine Hindernisse unserer Demokratie, sondern Ausdruck ihrer Stärke. Gleichzeitig müssen wir uns aber ehrlich fragen, wie wir Beteiligung organisieren.
Wer Menschen erst beteiligt, wenn Fronten längst verhärtet sind, erzeugt Widerstand statt Vertrauen. Wer Beteiligung dagegen frühzeitig als Bestandteil des Projektmanagements versteht, schafft die Chance, Konflikte zu entschärfen, bevor sie zu jahrelangen Verzögerungen führen.
Beteiligung darf dabei jedoch nicht mit einem Dauerzustand verwechselt werden. Irgendwann muss aus Diskussion auch Entscheidung werden. Und wenn demokratische Entscheidungen getroffen wurden, sollten wir gemeinsam daran arbeiten, Projekte erfolgreich umzusetzen.
Das Berufsbild des Projektmanagements hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Natürlich gehören Terminplanung, Kostensteuerung und Risikomanagement weiterhin zu unseren Werkzeugen. Entscheidend werden jedoch andere Fähigkeiten: Kommunikation, Moderation, Führung und das Verständnis komplexer Systeme.
Projektmanagerinnen und Projektmanager müssen heute Menschen zusammenbringen, Interessen ausgleichen und Orientierung schaffen. Sie bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft. Gerade bei öffentlichen Großprojekten entscheidet diese Fähigkeit häufig stärker über den Erfolg als die technische Lösung selbst.
Deutschland steht vor gewaltigen Aufgaben: Infrastruktur muss modernisiert, die Energiewende umgesetzt, Städte weiterentwickelt und die Digitalisierung vorangetrieben werden. Keine dieser Herausforderungen wird ohne Projekte gelingen. Deshalb sollten wir Projektmanagement nicht länger als nachgelagerte Umsetzungsdisziplin betrachten. Es gehört an den Anfang politischer Entscheidungen.
Wenn Projektmanagement erst beginnt, nachdem Ziele, Budgets und Zeitpläne längst festgelegt wurden und im Falle eines Tunnels die Bagger rollen, kann es häufig nur noch versuchen, bestehende Probleme zu begrenzen. Sein größter Mehrwert entsteht jedoch viel früher: Bei der Entwicklung realistischer Ziele, transparenter Entscheidungen und tragfähiger Umsetzungsstrategien.
Deutschland braucht deshalb nicht weniger Großprojekte. Deutschland braucht bessere Projektarbeit. Denn erfolgreiche Projekte entstehen nicht zufällig. Sie entstehen dort, wo Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen – und wo professionelles Projektmanagement von Anfang an als Führungsaufgabe verstanden wird.
Die vollständige Sendung vom 29. Juni 2026 ist in der ARD-Mediathek abrufbar.
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Prof. Dr. Peter Thuy ist Diplom-Kaufmann und habilitierter Volkswirt. Nach beruflichen Stationen im Verlagswesen, der Wirtschaftsprüfung und im Hochschulbereich leitete er mehr als 20 Jahre eine private Hochschule ehe er 2022 zum Präsidenten der GPM gewählt wurde.
blog@gpm-ipma.de
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