
Fehler gehören zum Projektalltag. Dennoch ist der Umgang damit in vielen Organisationen nach wie vor von Schuldzuweisungen, Rechtfertigungsdruck und defensivem Verhalten geprägt. Dieser Ansatz greift zu kurz – und kann Risiken sogar verstärken. Denn wer Fehler primär einzelnen Personen zuschreibt, übersieht die strukturellen Ursachen, die in komplexen Projekten fast immer eine entscheidende Rolle spielen.
Ein wirksames Projektmanagement erfordert daher einen Perspektivwechsel: weg von der Frage nach Schuld, hin zur Analyse von Systemen.
Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht dies. Zwei erfahrene Piloten befinden sich auf einem mehrstündigen Flug durch einen komplexen Luftraum. Trotz sorgfältiger Vorbereitung und umfangreicher Erfahrung treffen sie eine falsche Annahme über eine entscheidende Höhenbegrenzung. In der Folge nähern sie sich einem kontrollierten Luftraum, den sie nicht hätten durchfliegen dürfen.
Der Fehler wird rechtzeitig erkannt und korrigiert – nicht zuletzt durch externe Unterstützung. Dennoch zeigt die Situation deutlich: Erfahrung allein ist kein verlässlicher Schutz vor Fehlern. Selbst routinierte Fachkräfte treffen unter bestimmten Bedingungen Fehlentscheidungen, etwa bei hoher Komplexität, Zeitdruck oder Ermüdung.
Für Projekte bedeutet das: Fehler sind keine Ausnahme, sondern systemimmanent. Sie lassen sich nicht vollständig verhindern – wohl aber besser verstehen und beherrschen.
Ein entscheidender Schritt besteht darin, die Perspektive zu verändern. Fehler entstehen selten isoliert. Sie sind meist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus unklaren Informationen, unzureichenden Prozessen, Kommunikationslücken oder situativen Einflüssen.
Das sogenannte Swiss-Cheese-Modell beschreibt diesen Zusammenhang anschaulich. Organisationen verfügen über verschiedene Sicherheitsmechanismen – etwa Prozesse, Checklisten oder technische Kontrollen. Jede dieser „Barrieren“ weist jedoch Schwachstellen auf. Ein Zwischenfall entsteht erst dann, wenn mehrere dieser Schwachstellen gleichzeitig wirksam werden.
Für das Projektmanagement ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Die Analyse darf sich nicht auf einzelne Akteure beschränken. Entscheidend ist die Frage, welche Schutzmechanismen versagt haben – und warum.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist der bewusste Umgang mit Unsicherheit. In sicherheitskritischen Bereichen gilt die Grundregel, dass stets eine funktionierende Alternative vorhanden sein muss. Entscheidungen werden so getroffen, dass auch bei unerwarteten Entwicklungen Handlungsspielräume bestehen bleiben.
In Projekten wird dieser Gedanke häufig vernachlässigt. Zeitpläne sind eng kalkuliert, Ressourcen knapp bemessen, Alternativen nicht vorgesehen. Die Folge: Bereits kleinere Störungen können erhebliche Auswirkungen haben.
Ein Beispiel aus der industriellen Praxis zeigt, wie sich diese Problematik lösen lässt. Ein komplexes Produktionswerkzeug fiel regelmäßig aus, weil unterschiedliche Bediener Fehler machten. Statt ausschließlich auf individuelle Schulungen zu setzen, wurde ein struktureller Ansatz gewählt. Ein festes Team übernahm die Verantwortung, klare Abläufe wurden definiert und zusätzliche Kontrollmechanismen eingeführt. Erst durch diese systematische Absicherung konnte die Fehleranfälligkeit nachhaltig reduziert werden.
Ein professioneller Umgang mit Fehlern erfordert eine Kultur, in der diese offen angesprochen werden können. In vielen Organisationen ist dies jedoch nicht selbstverständlich. Die Sorge vor Konsequenzen führt dazu, dass Fehler verschwiegen oder beschönigt werden. Damit gehen wertvolle Lernchancen verloren.
Ein alternatives Modell setzt auf eine sogenannte „Just Culture“. Sie basiert auf dem Prinzip, dass Fehler zunächst als Lernanlass betrachtet werden. Ziel ist es, Ursachen zu verstehen und systematisch zu verbessern – nicht, individuelle Schuld festzustellen.
Gleichzeitig bedeutet eine solche Kultur nicht den Verzicht auf Verantwortung. Es wird klar unterschieden zwischen unbeabsichtigten Fehlern und bewusst risikobehaftetem Verhalten. Während ersteres analysiert und zur Verbesserung genutzt wird, können letztere Fälle durchaus Konsequenzen nach sich ziehen.
Die Übertragung auf die Projektpraxis liegt nahe. Projekte sind komplexe Systeme, in denen Menschen, Prozesse und Technologien eng miteinander interagieren. Fehler entstehen häufig an den Schnittstellen – und genau dort sollten auch die Lösungsansätze ansetzen.
Vier zentrale Prinzipien lassen sich daraus ableiten:
Diese Prinzipien sind keine theoretischen Konzepte, sondern praktische Leitlinien für den Umgang mit Unsicherheit.
Fehler lassen sich nicht vermeiden – aber ihre Auswirkungen lassen sich begrenzen. Entscheidend ist, wie Organisationen mit ihnen umgehen. Wer Fehler als Störung betrachtet, wird versuchen, sie zu vermeiden oder zu verdecken. Wer sie hingegen als Informationsquelle nutzt, kann daraus lernen und Systeme verbessern.
Gerade im Projektmanagement, wo Dynamik und Komplexität zum Alltag gehören, ist eine funktionierende Fehlerkultur kein „Nice-to-have“, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor. Sie schafft die Grundlage dafür, Risiken frühzeitig zu erkennen und Projekte stabiler, resilienter und letztlich erfolgreicher zu gestalten.
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Thorsten Nottebaum ist Mitgründer und Geschäftsführer der PROJEKTERFOLG GmbH, einem Unternehmen, das sich auf innovatives Projektmanagement spezialisiert hat. In seiner über 25-jährigen Karriere in der Automobilindustrie bekleidete er verschiedene Führungspositionen, zuletzt als global Verantwortlicher für Produktentwicklung und Programm-Management bei einem internationalen Automobilzulieferer. Er promovierte im Maschinenbau an der RWTH Aachen und besitzt einen MBA. Früh überzeugte ihn agiles Arbeiten. Als leidenschaftlicher Pilot überträgt er Prinzipien des Crew Resource Management auf Projekte.
thorsten.nottebaum@projekterfolg.de
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