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Die Kunst, zirkulär zu denken: Paradigmenwechsel für strategisches und operatives Handeln

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“ Francis Picabia, Surrealist

Prolog: Wo ist Zukunft?

In seiner Frühzeit war der Mensch eine unbedeutende und verletzliche Spezies. Heute jedoch beeinflusst der Mensch durch die Entwicklung seiner Fähigkeiten zum Überleben seinen gesamten Lebensraum auf dem Planeten. Das gegenwärtige Zeitalter wurde deswegen von Paul Crutzen, Chemienobelpreisträger 1995, als Anthropozän1 bezeichnet. Denken und Handlungen des Menschen beeinflussen alle Ökosysteme des Planeten, die er für sein Überleben benötigt.

In frühen Entwicklungszyklen nutzte der Mensch die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen seiner unmittelbaren Lebensräume, die er innerhalb eines Tages zu Fuß durchstreifen konnte, ohne an die Zukunft zu denken. Beispiele existieren, dass der Mensch für seinen Überlebenskampf Nachhaltigkeit nicht beachtete. So zeigen Funde versteinerter Pferdeknochen im Burgund in Frankreich, dass steinzeitliche Jäger Wildpferde auf einen Abgrund zutrieben, um die toten Tiere am Fuß der Klippe auszuweiden. In Australien verursachten eingewanderte Stämme vor 50.000 Jahren durch Jagd ein Aussterben des dortigen Großwilds.2

Parallel existierten indigene Kulturen, wie Irokesenstämme in Nordamerika, die nach der Überlieferung alle Handlungen so planten, dass die Einflüsse auf die nachfolgenden sieben Generationen berücksichtigt wurden. Nachhaltigkeit bezogen sie offensichtlich in ihren Entscheidungsfindungsprozess mit ein.3

Nachhaltigkeit als Leitlinie zur Gestaltung des menschlichen Lebens, um seinen unversöhnlichen Kampf mit der Natur zu beenden, begann im Anthropozän vielversprechend.4,5 Doch der Fokus liegt inzwischen auf Verzicht, Reduktion und einem zurück zur Natur, wo immer dieses Paradies sein soll. Das Anwachsen der Menschheit auf mittlerweile mehr als acht Milliarden und der damit für das Überleben jedes Einzelnen notwendigen Bereitstellung von Nahrung, Wohnraum und Kleidung spielt in diesen Diskussionen eine Nebenrolle. Eine Avantgarde in den Industrienationen meint, durch eine mehr oder weniger radikale ökologische Transformation den Wettlauf gegen wie auch immer zu definierende Tipping Points des Erdsystems gewinnen zu können. Dabei wird übersehen, dass sie parallel dazu einen ökonomischen Niedergang in Kauf nehmen, der die Probleme nicht löst.

Das zurück zur Natur beantwortet nicht die grundlegenden Fragen, wie es dem Menschen gelingen kann, endliche planetarische Ressourcen und klimatische Bedingungen so zu gestalten, dass die Spezies überleben kann.

Die zentrale Frage lautet daher: How to design and manage planetary future of men?6

Aufbruch: Eine neue Welt

In alten Hochkulturen waren Methoden für die Planung und Ausführung größerer Vorhaben bekannt und müssen mündlich und durch Nachahmung auf nachfolgende Generationen übertragen worden sein. Sie sind ein gemeinsames kulturelles Erbe. Zeugen für dieses frühe operative Wissen finden sich Kultur-und Erdräume übergreifend: Die Pyramiden des alten Ägyptens, die chinesische Mauer, die Akropolis, alte Inkastädte bis hin zum Dom zu Köln, um nur einige zu nennen. Es sind Umsetzungen strategischer Entscheidungen von Königen, Fürsten und Religionsführern.

Im Jahr 1492 segelte eine Gruppe von Abenteurern unter Führung von Christoph Kolumbus von Sevilla aus nach Westen, um den Seeweg nach Indien zu entdecken. Sie fanden stattdessen eine neue, unbekannte Welt. Mit diesen Entdeckungen zurück in Europa, sahen Menschen eine Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, unabhängig von den Launen von Fürsten, Kirchen und all deren Aposteln. Diese neue Welt wurde jedoch nicht mit Neugierde, Staunen, Respekt und offenen Augen betrachtet. Sie wurden vereinnahmt, zum integralen Bestandteil und Abbild der alten Welt gemacht und deren Regeln unterworfen. Daraus resultierende Umwälzungen wirken bis heute nach.

Etwa einhundert Jahre nach Kolumbus veröffentlichte der englische Staatsmann Francis Bacon die Science-Fiction-Erzählung Nova Atlantis. Auf einer verlorenen Insel im Pazifik finden Reisende Realität gewordene Wunder: Schiffe, die unter Wasser fahren und andere, die durch die Luft reisen.7 Bacon war einer der wichtigsten Wegbereiter der wissenschaftlichen Empirie und der modernen Naturwissenschaften. Das anbrechende Zeitalter der Erkenntnis führte dazu, dass fünfhundert Jahre später diese Visionen aus dem 17. Jahrhundert realisiert sind. Der dafür notwendige game changer, die Dampfmaschine, wurde als Lösung für eine Rohstoff- und Energiekrise in England am Ende dieses Jahrhunderts von Thomas Savery erfunden und nachfolgend von James Watt 1769 kommerzialisiert. Die anbrechende pyrotechnische Zivilisation erlaubte es dem Menschen, Knappheit und Armut zu entkommen.8

Die beginnende Industrialisierung, die den unternehmerischen Einsatz von Kapital, Arbeit und Grund und Boden voraussetzte, hat im Anthropozän planetare Dimensionen erreicht. Sie folgt seit über dreihundert Jahren einem Kontinuum von Ressourcenentnahme, deren Umwandlung in Produkte, die schließlich als Abfall enden, auch als take-make-waste bezeichnet.9 Dieses systematische und auf Effizienz ausgerichtete Paradigma wurde auf der Annahme, dass eine vollständige Berechenbarkeit technischer Prozesse möglich ist, zur Beherrschbarkeitsideologie10 mit gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisches Auswirkungen entwickelt. Sie ist bis heute die Grundlage der Moderne und greift dann auf weiterführende wissenschaftlich-technologische Erkenntnisse zurück, wenn diese ihr nutzen.

Die Industrialisierung wurde 1867 von Karl Marx als ein Prozess bezeichnet, der sich zwischen dem Menschen und der Natur ereignet und in dem der Mensch sich den Naturstoff aneignet.11 Das dafür notwendige Feuer als Energielieferant war dem Menschen bereits seit seiner Frühzeit als nützlicher Begleiter verfügbar – durch die Nutzung fossiler Ressourcen erschloss sich die Möglichkeit der Massenproduktion. Aspekte nachhaltiger Entwicklungen sind im take-make-waste Paradigma nicht berücksichtigt. Sie wurden nur verwendet, wenn sich daraus klare sozio-ökonomische Vorteile ergaben, um dann wieder ins business-as-usual zurückzufallen.

Beherrschbarkeitsideologie und Nachhaltigkeit

Überlebensstrategien sind Bestandteil der Natur des Menschen. Die operative Umsetzung solcher Strategien durch Institutionen und Organisationen benötigt Wissen als Entscheidungsgrundlage für Planung und Umsetzung. Im Anthropozän wird wegen der Komplexität der Erkenntnisse und des verfügbaren Wissens übersehen, wie fundamental ein Paradigmenwechsel ausfallen muss, der Nachhaltigkeit zum Inhalt macht. Sowohl das Paradigma des take-make-waste des weiter so als auch das Paradigma des weniger, aber Grüner (De-Growth) beseitigen nicht die Probleme auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen. De-Growth stellt den Status Quo nicht infrage, macht die Probleme bestenfalls ein bisschen kleiner und richtet neuen Schaden an.12

Beide Paradigmen beruhen auf dem mechanistischen Weltbild der klassischen Physik. Vor etwa einhundert Jahren wurden sie durch die Erkenntnisse der Quantenphysik hinterfragt. Die klassische Physik wie auch in anderen Wissenschaften sahen die Welt als vollständig beschreib-, beherrsch- und kontrollierbar an. Dann kam es zur Erkenntnis, dass Natur sich einer vollständigen Beherrschbarkeit entzieht. Nach Werner Heisenberg, Physiknobelpreis 1923, ist Natur als relationaler Prozess zu verstehen. Wissen ist immer perspektivisch und die Wirklichkeit nicht unabhängig von der Position des Beobachters.13  Natur ist nicht vollständig bestimmbar, nicht unabhängig vom Beobachter und nicht vollständig kontrollierbar. Heisenberg beschrieb es als eine Illusion, dass wir die Welt beschreiben können oder Teile von ihr, ohne dabei von uns selbst zu sprechen. Der Herrscher spricht zu seinem Diener.

Prozesse in der Natur laufen zyklisch. Sie produzieren keine nicht verwertbaren und in diesen Kreislauf nicht wieder integrierbaren Produkte. Sie sind systemisch, umfassen Aufbau, Abbau und die Wiederverwertung aller Komponenten und ihrer Zerfallsprodukte. Für lebende Systeme steht die Erhöhung von Sicherheit und Lebensfähigkeit im Fokus und damit Nachhaltigkeit, Stabilität und Robustheit.14

Zeitlich parallel zu den Erkenntnissen der Quantenphysik und im Gegensatz dazu, entwickelte der amerikanische Ingenieur Frederick W. Taylor die Methode des Scientific Management, um industrielle Arbeit effizienter und produktiver zu gestalten. Mit diesem methodischen Ansatz zur Effizienzsteigerung durch die Zerlegung der Arbeitsprozesse in kurze, übersichtliche und messbare Schritte wurde die Massenproduktion auf der Basis automatisierter Prozesse unter Einsatz fossiler Energieträger möglich. Strategische Entscheidungen konnten durch die planende und effektive Operabilität des daraus entwickelten Projektmanagements nach Zeit, Kosten und Ressourcen umgesetzt werden. So wurden Handlungen möglich, die weit über die Gegenwart hinausreichen. Dies befähigte den Menschen, durch strategisch definierte und steuerbare Prozesse der Planung, Kontrolle und Realisierung die Entwicklungen weiterzutreiben. Kontrolle bezieht sich hier weitgehend auf das Liefern von Ergebnissen nach Zeit, Kosten und Qualität. Die Lebensdauer des Produkts wurde und wird nur insofern berücksichtigt, als unter Markteinflüssen Weiter- bzw. Neuentwicklungen notwendig werden. Dieses Wissen wird global eingesetzt und weiterentwickelt. Es löst die Probleme verursacht durch take-make-waste nicht. Aspekte eines zirkulären Denkens werden diskutiert, ihre Anwendung ist im globalen Maßstab weiterhin gering.

Planbarkeit betrifft das operative Handeln des Menschen in diesem Kontext. Ohne Berücksichtigung aller Facetten der Nachhaltigkeit werden die Ergebnisse in geschlossene Strukturen geliefert. Planer und Realisierer gestalten die Zukunft für Menschen ohne Berücksichtigung des Produktlebenszyklus.15 Sie sind jedoch Designer der Zukunft und müssen sich als solche verstehen. Ihr Denken ist weiterhin vorwiegend linear, nicht zyklisch und nicht auf Wiederverwertbarkeit ausgerichtet.16

Realisiert werden die durch Entscheider der menschlichen Institutionen und Organisationen vorgegebenen Strategien. Diese sind weitgehend nicht systemisch und werden nicht ausreichend im Sinne zirkularer Prozesse hinterfragt. Strategische Befehlsgewalt, Arbeitskraft und Kraftmaschinensysteme, angetrieben durch fossile Energieträger erzeugen weiterhin Emissionen und Abfälle in linearen Prozessen. Dies gilt auch für Produktion und Einsatz erneuerbarer Energien und auch ihrer Speicher- und Verteilungstechnologien. Sie folgen dem Paradigma des take-make-waste.

Superkunde: Der Planet

Bacons Visionen führten zu Erkenntnissen und weiter zu Methoden und Fähigkeiten der Realisierung, Verbreitung und Weiterentwicklung. Sie bildeten die Grundlagen für die Industrialisierung bis in die Gegenwart, beruhten auf der Entnahme von Ressourcen und der Verbrennung fossiler Energieträger für Produktion und Verteilung. Diese Ressourcen sind endlich in ihrer Verfügbarkeit, menschliche Vorstellungskraft ist es nicht, wie Bacon in Nova Atlantis aufzeigte. Fossile Ressourcen haben zudem den Effekt, durch ihre Verbrennung die Kohlendioxidkonzentration in der Erdatmosphäre zu erhöhen, mit den Folgen einer globalen Erwärmung. Angenommen wurde dies bereits 1896 durch den schwedischen Chemiker Svante Arrhenius auf Grund der zunehmenden Verbrennung von Kohle für die aufkommenden und sich fortwährend erweiternden industriellen Prozesse. Diese Erwärmung der Atmosphäre ist zweifelsfrei als anthropogener Einfluss nachgewiesen durch Klaus Hasselmann, Max-Planck-Institut für Meteorologie Hamburg und 2021 mit dem Physiknobelpreis ausgezeichnet. Seit dem Postulat von Arrhenius sind vier Generationen vergangen.

Menschliche Handlungen haben einen Preis und eine Rückwirkung auf die Lebensumstände. Ein Teil dieses Preises und seine Rückwirkungen setzt sich zusammen aus Ressourcenverschwendung, nicht verwertbaren Abfällen und Einflüssen auf das globale Klima. Den durch operatives und strategisches Handeln gesteuerten Wertschöpfungsketten Kapital, Arbeit und Grund und Boden mangelt es an planetarer Verantwortung. Der Planet ist nicht artikulationsfähig, er kann keinen Preis festsetzen, keine Verhandlungen führen. Der Erhalt der Wertschöpfung durch menschliches Handeln und das Setzen der für den Erhalt der Lebensgrundlagen notwendigen Rahmenbedingungen ist eine Herausforderung. Im ökonomischen Handeln des Menschen gibt es immer einen wichtigsten Kunden: Hier ist es der Planet als die menschliche Lebensgrundlage. Im Mittelpunkt unserer Handlungen muss die Frage stehen: How to design and manage planetary future of human?17

Veränderungen der Randbedingungen des Planeten für die globalen Lebensbedingungen des Menschen erfordern Anpassungen an den Naturstoff (Karl Marx). Der Planet ist der Superkunde für den Menschen als Naturmacht. Die bisherigen Steuerungsinstrumente sind dafür offensichtlich nicht geeignet. Der Mensch sitzt an den Schalthebeln einer Macht, die er nicht versteht und auch nicht so ausübt, dass sie den Planeten kollektiv in der Balance hält. Die Menschheit gleicht Passagieren in einem Flugzeug, in dem der Pilot nach Erreichen der Reiseflughöhe diese mit der Ansage konfrontiert, dass der Planet, von dem er startete, in dieser Form nicht mehr existiert und er aktuell nicht sagen kann, wo er mit dem Flugzeug wieder landen wird.18 Die Menschheit hat ihre Sorgfaltspflichten für ihr Überleben in der Critical Zone einem dünnen Vitalgürtel aus Biosphäre, Atmosphäre und Noosphäre19 vernachlässigt. Sie verfügt über keine Organisationsform, die der Komplexität des Ökosystems Planet Erde entspricht.

Paradigmenwechsel: Systemisches Denken

Systemisches Denken, an Stoffkreisläufen orientiert und nachfolgend durch dafür geeignete Prozesse in Produkte überführt, erkennt, dass die Beherrschbarkeitsideologie ein Beherrschbarkeitsirrtum ist und als dieser akzeptiert wird. Dieses Eingeständnis als Voraussetzung für ein anderes, systemisch orientiertes Denken, ist gegenwärtig sowohl bei den unternehmerischen als auch den politischen Akteuren nicht oder nur rudimentär sichtbar.20 Weniger vom Falschen zu tun, ist immer noch falsch. Es ist sogar doppelt falsch, denn es fügt nicht Besseres dazu, es zementiert den Status Quo.21

Die notwendige Bereitstellung von ausreichend Nahrung, Wohnraum und Kleidung für die wachsende Erdbevölkerung unter den Aspekten der Nachhaltigkeit bedingt essenzielle Herausforderungen, deren Lösung neben dem politischen Willen und der damit verbundenen strategischen Entscheidungen, ein intelligenteres, ein anderes, ein innovativeres Management und Projektmanagement als bisher erfordert. Ein bewusster Umgang mit diesen Herausforderungen, ohne in auflösende Panik oder seelentötende Erstarrung zu verfallen, ist zwingend notwendig, um den Wandel zu gestalten.22

Wir müssen verstehen, dass wir nicht mehr am Fließband stehen, sondern auf diesem. Und dieses befindet sich auf einer tektonischen Platte. Das nächste Beben kommt sicher – aber wann und mit welcher Stärke, wissen wir nicht. Wir bewegen uns immer noch in über hundert Jahre alten Denksystemen und Methoden und hoffen damit, den Weg in die Zukunft zu erkennen und erfolgreich beschreiten zu können. Die tektonischen Platten unter uns und die Turbulenzen und Strömungen, in die sie geraten, werden nicht ausreichend wahrgenommen. Das Verharren in der Komfortzone ist einfacher, als kontinuierlich zu erkennen, wo Handlungsbedarf besteht, wie gehandelt werden kann und was diese Handlungen systemisch verursachen. Dieses Verständnis zu entwickeln, ist entscheidend für unsere zukünftigen Entwicklungen.23

Der Paradigmenwechsel für systemisches Denken als Game Changer bedingt ein anderes Verständnis und Vorgehen zu einer systemischen Sichtweise der notwendigen Änderungen und damit einen Perspektivwechsel zur planetarischen Verantwortlichkeit und der Sorgfaltsverpflichtung für alle strategischen und operativen Entscheidungen und dem gesamten nachgelagerten Vorgehen.24 Für das operative Vorgehen und deren Umsetzung durch Projekte ist ein erstes praktikables und von einer internationalen Organisation entwickeltes Vorgehensmodell verfügbar.25 Um den ganzheitlichen Ansatz und damit die planetarische Verantwortung und Sorgfaltspflicht zu verfolgen, sind die strategisch Verantwortlichen auf allen institutionell-organisatorischen Ebenen und der Politik einzubeziehen. Hier besteht offensichtlich ein Mangel an Erkenntnis. Das bereits vorhandene Wissen und Erfahrungen für die ersten grundlegenden Schritte einer an Kreisläufen orientierten nachhaltigen Entwicklung aus den technologisch-wissenschaftlichen Institutionen stehen zur Verfügung, wird fortgeschrieben und wartet auf Realisierung.26

Systemische Prozessgestaltung beginnt am Ende der bisherigen Prozessketten des take-make-waste und denkt diese vom Ende her beginnend mit der Abfallvermeidung in eine zyklische Richtung. Die Vorteile werden sichtbar als Verringerung von Rohstoffabhängigkeiten und damit von Lieferketten und geopolitischen Verwerfungen, wiederaufbereitete Komponenten sind als Ersatzteile auf Marktplätzen verfügbar, die neue unternehmerische Betätigungsfelder eröffnen. Nachhaltiges Design von Komponenten benötigt Forschung und Entwicklung. Verlängerungen des Produktlebenszyklus und Wiederinstandsetzung fordern das Gestalten erweiterter Geschäftsfelder.

Diese Systemtransformation benötigt auch die qualifizierte politische Steuerung und Begleitung. Das bisherige wir regulieren – sie setzen um bürokratischer Institutionen ist nicht zielführend. Eine Kreislaufführung, die durch vorhandene Entwicklungen eine Skalierung ermöglicht, fordert das strategische und operative Management heraus, neue Wege zu gehen und sich auf die offene See zu wagen27. Die Unwissenheit über das Unbekannte stellt den Horizont des Denkens dar. Fragen sind zu stellen, deren Antworten niemand kennt. Dort kann es auch ungemütlich werden.

Epilog – We are in the driver’s seat

Systemisches Denken in Kreisläufen ist als ein evolutionärer Prozess zu verstehen. Wir benötigen dafür ein global wirksames systemisches Paradigma als flexible Handlungsanleitung. Ein Weiter-So und dass Weniger, aber grüner liefern dafür nicht die richtigen Fragen und ihre Antworten lösen die Probleme für den Erhalt der menschlichen Lebensräume durch den Superkunden nicht. Es geht um die Bewältigung komplexer Herausforderungen an den Schnittstellen von Anthropologie, Ökologie und Innovation.

Das bereits erwähnte Prinzip des systemisch-irokesischen Denksystems für die nächsten sieben Generationen vorauszudenken, kann durchaus als Basis für die Ausgestaltung in der Moderne weitergedacht werden. Konzeptionen und auch Erfahrungen bestehen. Neben der Erkenntnis des Beherrschbarkeitsirrtums muss sich ein Denken entwickeln, in längeren Zeiträumen zu denken, zu planen und zu realisieren.28

Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik – allgemein auch als Entropiegesetz bezeichnet, weist daraufhin, dass im Universum alle Materie zum Zustand der größten Unordnung strebt. Italo Calvino schrieb dazu, dass alle Teile des Universums eins nach dem anderen zerfallen können und trotzdem etwas bleibt. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, dies für sich zu nutzen, um durch geeignete Prozesse eine Ordnung zu schaffen, die seinem Überleben nützt. Die Entropie der Materie zwingt uns also immer wieder dazu, unsere Komfortzonen zu verlassen und Ordnung neu zu erschaffen.

Der Planet und das Sonnensystem in der Milchstraße befinden sich offensichtlich in einer eher stillen Zone des Universums. Astrophysikalische Berechnungen weisen jedoch darauf hin, dass in einigen Jahrmillionen unser Milchstraßensystem mit dem Andromedanebel zusammenstoßen wird. Da es bis dahin noch eine Weile hat, können wir unser Denken und Handeln nachhaltig und global ausrichten. Wir haben die Gestaltungsmacht und auch die Verantwortung. We are in the driver’s seat! Gestalten wir unsere planetare Zukunft!29

Quellen

1 Crutzen, P. (2002): Geology of mankind, nature Vol. 415

2 Sloterdijk, P. (2023): Die Reue des Prometheus, Suhrkamp Frankfurt

3 Watson, J. (2019): Low TEK- Design by Radical Indigenism; Taschen Verlag, Cologne

4 Brundlandt, G.H. (1987): Report of the World Commission on Environment and Development: Our Common Future; United Nations

5 Gore, A. (1993): Earth in the Balance

6 Glitscher, W. (2024): We are in the driver’s seat – A magic carpet ride; 33rd World Congress IPMA, Capetown

7 Findet sich in: Borges, J.L. (1964): Das Rätsel Shakespeare, in: Eine neue Widerlegung der Zeit

8 Sloterdijk, P. (2023): Die Reue des Prometheus; Suhrkamp

9 Acatech (2021): Circular Roadmap for Germany; acatech Circular Economy Initiative Germany

10 Begriff geprägt u.a. durch die Frankfurter Schule von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno als deren Vertreter

11 Marx, Karl (1867): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band.

12 Siehe: Savin, I.; van den Bergh, J. (2024): Reviewing studies of degrowth: Are claims matched by data, methods and policy analysis?; Ecological Economics 226 und Limits to growth? It’s time to end a 50-year argument (2022), nature Vol. 603

13 Heisenberg, W. (2002): Die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie, Aus: Physik und Philosophie, Hirzel, Stuttgart

14 Vester, F. (1999): Die Kunst vernetzt zu denken, dtv München

15 Silvius, G.; Huemann, M. (2017): Projects to create the future: Managing projects means sustainable development; http://dx.doi.org/10.1016/j.ijproman.2017.04.014

16 Glitscher, W. (2023): Re-Thinking Project Management for Circular Economy, IPMA Project Profession Forum, Sevilla September 2023

17 Glitscher, W. (2024): We are in the driver’s seat – A magic carpet ride; 33rd World Congress IPMA, Capetown

18 In Anlehnung an Bruno Latour (2018): Kampf um Gaia, Suhrkamp Wissenschaft

19 Latour, B.; Weibel, P. (2020): Critical Zones: The Science and Politics of Landing on Earth, Cambridge, MA: Noosphäre wird als Begriff verwendet für eine Stufe der Erdentwicklung, in der menschliches Denken, Wissen und Bewusstsein zu einer entscheidenden Kraft werden. 

20 Basierend auf eigenen Erfahrungen seit 2022 durch Vorträge, Diskussionen und Publikationen auf Tagungen und Kongressen, siehe auch hier: Friedrich, K.; Wehnert, P. (2025): Behavioral barriers to sustainable action in project management and how to overcome them; https://doi.org/10.1016/j.ijproman.2025.102747; Hari, A. (2025): The Impact of Innovations in Production Technologies on Project Management Practices in the Context of Circular Economy and Sustainability, Technische Universität Berlin; Peuser, M.; Eichenberg, T. (2024): Projektportfolio Sustainability Monitor 2024; Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V.

21 Pfeffer, F. (2014): To Do – Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt; Schmidt, Mainz

22 Sloterdijk, P. (2010): Das Zeug zur Macht; Schriftenreihe der HfG Karlsruhe

23 Glitscher, W. (2023): Den Superkunden verstehen; Projektmanagement Aktuell 02/2023; Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. 

24 Silvius, G. (2024): Sustainability in Project Management Standards, 33rd World Congress IPMA, Capetown 2024; https://doi.org/10.56889/ovfe2820

25 ICB 4.0 Sustainable Reference Guide (2024): International Project Management Association IPMA

26 Um nur einige Beispiele zu nennen: Empower Green Production (2023): Fraunhofer-IPT Aachen, Conference Proceedings; Kohl, H.; Seliger, G.; Dietrich, F.; Mur, S.: (2025): Sustainable Manufacturing as a Driver for Growth; Proceedings of the 19th Global Conference on Sustainable Manufacturing, Buenos Aires 2023

27 Wegener, D. (2025): DPP 4.0 ist der Game Changer für die Kreislaufwirtschaft, Produktionstechnisches Kolloquium, Fraunhofer-IPK, Berlin, November 2025

28 Siehe diesbezüglich u.a: Sauer, D. (2025): Ambidextres ganzheitliches Produktionssystem für die Wandlungsfähigkeit von Unternehmen in der Wertschöpfung von morgen; Produktionstechnisches Kolloquium, Fraunhofer-IPK, Berlin, November 2025 und Glitscher, W. (2024): We are in the driver’s seat – a magic carpet ride; 33rd World Congress IPMA, Capetown, 2024

29 Nature Editorial (2011) The human epoch – Official recognition for the Anthropocene would focus minds on the challenges to come, Nature Vol. 473

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Autoren

Wolfgang Glitscher (1952, Berlin), Studium der Technischen Chemie und Biochemie, Promotion TU Berlin in Biophysikalischer Chemie. Acht Jahre F&E am Max-Volmer-Institut der TU Berlin. Danach zehn Jahre in Institutionen der Fraunhofer-Gesellschaft, dort u. a. von 2001 bis 2004 Programmdirektor der Telematikplattform für medizinische Forschungsverbünde, TMF. Seit 2005 Universitätsdozent für Project Management an der TU-Berlin am Produktionstechnischen Zentrum im internationalen Masterstudiengang Global Production Engineering (GPE). Seit 2007 in der GPM und Mitglied der FG PM an Hochschulen und weitere Aktivitäten.

w.glitscher@campus.tu-berlin.de