bild zusammenarbeit kollegen

Das Projekt endet – die Geschäftschance kann bleiben

Am 9. Dezember 2012 wurden die Server des Onlinespiels Glitch abgeschaltet. Das Unternehmen Tiny Speck hatte nicht genügend Spieler gewonnen, um den Betrieb wirtschaftlich zu tragen. Das Vorhaben, für das das Team zusammengekommen war, endete. [1]

Während der Entwicklung hatte das Team jedoch auch seine eigene Zusammenarbeit organisiert. Es nutzte ein internes Kommunikationssystem, das Gespräche, Dateien und Informationen aus anderen Anwendungen zusammenführte. Dieses Hilfsmittel war für die tägliche Arbeit nützlich, obwohl das Spiel keine tragfähige wirtschaftliche Zukunft hatte. Aus den damit gewonnenen Erfahrungen entwickelte das Unternehmen anschließend Slack. Die öffentliche Einführung erfolgte 2014. [1, 2]

Für Projektverantwortliche liegt darin eine wichtige Unterscheidung: Das Ende eines Vorhabens beantwortet die Frage nach dem Wert dessen, was während seiner Umsetzung entstanden ist, noch nicht vollständig.

Das Hilfsmittel erfüllte einen anderen Bedarf

Glitch sollte Menschen unterhalten. Die internen Werkzeuge halfen dagegen einem verteilten Team, zusammenzuarbeiten. Ihr Nutzen hing an einer anderen Aufgabe und einer anderen Nutzergruppe als der Erfolg des Spiels.

Der beteiligte Entwickler Johnny Rodgers beschreibt, wie das Team seinen Chat um Dateiverteilung, eine durchsuchbare Historie und Meldungen aus anderen Systemen ergänzt hatte. Die Kombination funktionierte für die eigene Arbeit, war technisch aber zusammengesetzt und noch kein fertiges Kundenprodukt. Für Slack sollte die Software neu aufgebaut und das Gelernte übernommen werden. [1]

Das ist mehr als eine Geschichte über zufälligen Erfolg. Im selben Vorhaben wurde eine Leistung für eine andere Aufgabe erarbeitet. Wer ausschließlich auf das geplante Endprodukt schaut, kann diesen Unterschied übersehen. Er kann einen gescheiterten Auftrag zutreffend bewerten und dennoch eine weiterführende Möglichkeit außer Acht lassen.

Projektabbruch und Weiterverwendung sind getrennte Entscheidungen

Ein Projekt wird durch eine mögliche spätere Verwendung seiner Ergebnisse nicht rückwirkend erfolgreich. Auch lässt sich seine Fortsetzung damit nicht automatisch rechtfertigen. Bereits angefallener Aufwand ist kein Beleg dafür, dass sich weitere Arbeit lohnt.

Für die Entscheidung über eine Weiterverwendung zählt vielmehr der erwartete künftige Nutzen im Verhältnis zu dem Aufwand, der dafür noch erforderlich ist. Eine intern hilfreiche Lösung kann sich als zu speziell erweisen. Sie kann aber auch eine Aufgabe erfüllen, die unabhängig vom ursprünglichen Projekt weiterbesteht.

Bei Slack blieb das Spiel eingestellt. Die Erfahrungen mit der Zusammenarbeit wurden zum Ausgangspunkt einer anderen Produktentwicklung. Darin liegt die praktische Konsequenz für Projektverantwortliche: Die Entscheidung, das ursprüngliche Vorhaben zu beenden, sollte eine eigenständige Betrachtung seiner nutzbaren Ergebnisse ermöglichen. Beides braucht eine eigene Begründung.

Beim Abschluss auch die Mittel zur Umsetzung betrachten

Eine solche Betrachtung erweitert den Blick über die vereinbarten Liefergegenstände hinaus. Während der Arbeit können etwa ein Prüfwerkzeug, eine Auswertungsmethode oder eine Lösung für wiederkehrende Abstimmungen entstanden sein. Diese Mittel tauchen im Abschlussbericht möglicherweise nur als Teil der Umsetzung auf. Für andere Teams könnten sie die eigentliche interessante Leistung darstellen.

Als praktische Anregung aus dem Slack-Fall bietet sich an, vor der Auflösung des Teams ein konkretes Arbeitsmittel genauer anzusehen. Seine Funktion sollte sich ohne die Geschichte des ursprünglichen Auftrags erklären lassen. Ein anderes Team muss verstehen können, welche eigene Aufgabe es damit besser bearbeiten könnte.

Beobachtbare Verwendung ist dafür aufschlussreicher als die bloße Beschreibung einer guten Idee. Hat ein anderes Team das Werkzeug bereits übernommen, lässt sich untersuchen, weshalb es das tut. Dabei kann ebenso sichtbar werden, wie viel Unterstützung nötig ist und welche Besonderheiten eine Übertragung erschweren. Eine solche Betrachtung liefert Anhaltspunkte für eine weitere Entscheidung und begrenzt zugleich überzogene Erwartungen.

Im Slack-Fall war außerdem nicht der vorhandene Code allein entscheidend. Das Team wollte das System neu entwickeln und seine Erfahrungen mitnehmen. [1] Auch bei anderen Projekten kann das weiterverwendbare Ergebnis deshalb in einem verstandenen Ablauf oder einer erprobten Arbeitsweise liegen. Eine Übergabe, die nur Dateien sichert, würde dieses Wissen möglicherweise nicht erschließen.

Interner Nutzen ist der Anfang einer weiteren Prüfung

Die eigene Verwendung zeigt zunächst, dass eine Lösung in ihrem Entstehungsumfeld nützlich ist. Der Schritt zu anderen Teams oder zu einem Angebot für externe Kunden verlangt zusätzliche Arbeit. Andere Anwender können andere Voraussetzungen haben; Einführung und Betreuung können den Nutzen verändern.

Der Slack-Fall beschreibt deshalb keine allgemeine Erfolgsregel für interne Werkzeuge. Er verändert aber die Ausgangsfrage beim Projektabschluss. Neben der Bewertung des ursprünglichen Vorhabens wird sichtbar, ob eine entstandene Leistung eine weitere Betrachtung verdient. Dafür braucht es weder die Erwartung eines neuen Unternehmens noch eine nachträgliche Rechtfertigung des gescheiterten Projekts.

Die nächste Verwendung kann auch innerhalb der bestehenden Organisation liegen. Ein Werkzeug, das mehreren Teams wiederkehrende Arbeit abnimmt, kann bereits einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Eine darüber hinausgehende Geschäftschance bleibt eine gesondert zu prüfende Möglichkeit.

Welches Arbeitsmittel aus Ihrem letzten Projekt könnte für ein anderes Team nützlich sein, auch wenn der ursprüngliche Auftrag längst beendet ist?

Quellen

[1] Rodgers, Johnny (2024). The death of Glitch, the birth of Slack. Building Slack, 20.12.2024. Rückblick eines beteiligten Entwicklers. Onlinequelle

[2] Slack Technologies, Inc. (2019). Form S-1 Registration Statement, 26.04.2019. Abschnitte History und Corporate Information, S. 1 und 8. Onlinequelle

Buch in Vorbereitung | DIE EINZIGEN SECHS FRAGEN ZUR GESCHÄFTSCHANCE

Carlo Brzuska untersucht in 1.000 eigenen Fallanalysen Unternehmensursprünge weltweit. Aus ihrem Vergleich arbeitet er einen gemeinsamen Kern heraus und verdichtet ihn zu sechs Fragen. Damit richtet das Buch den Blick auf die Gegenwart: Die Fragen helfen, wirtschaftliche Möglichkeiten im eigenen beruflichen Umfeld zu erkennen und genauer zu untersuchen, bevor eine konkrete Geschäftsidee feststeht.

Kommentare

* Diese Felder sind erforderlich

Keine Kommentare

Autoren

Carlo Brzuska ist Physiker, technischer Projektleiter und Sachbuchautor aus Halle an der Saale. Er schreibt über naturwissenschaftliches Denken und darüber, wie sich unternehmerische Möglichkeiten vor der konkreten Geschäftsidee erkennen lassen.

kontakt@carlobrzuska.de