
Dieser Beitrag basiert auf meinem Vortrag „AI and project management – from hype to practice“ beim 34. IPMA World Congress 2025 in Berlin.
Die rasante Entwicklung generativer KI (Englisch: Generative Artificial Intelligence – kurz GenAI), die spätestens seit der Veröffentlichung von ChatGPT am 30.11.2022 weltweit zu tiefgreifenden Veränderungen im privaten wie auch beruflichen Leben geführt hat, verläuft rasant weiter und fühlt sich wie ein täglicher GenAI-Battle an, ausgetragen von den USA und China, die derzeit diese Entwicklung dominieren – und zwar staatlich getrieben.
Mit KI-Agentensystemen sind wir spätestens 2024 in eine neue KI-Ära eingetreten, in der sich KI-Werkzeuge zunehmend mehr zu einem eigenständigen Akteur entwickelt haben und nicht mehr nur reagieren, sondern in einem von uns vorgegebenen Rahmen autonom agieren können. Ausgangspunkt meines Vortrags war die Frage, welche Implikationen für das Projektmanagement und die dort tätigen menschlichen Akteure resultieren. In meinem Vortrag habe ich nach der Positionsbestimmung des Stands der Technik die neue Rollenverteilung von Mensch und Maschine in der „Human-AI-Interaction“ beleuchtet, um darauf basierend die Future Skills für Projektmanager:innen zu analysieren. Meine abschließende These lautete:
AI Leadership wird zur zentralen Zukunftskompetenzder modernen Arbeitswelt – domänenübergreifend und nicht auf das Projektmanagement beschränkt.
Die Entwicklung generativer KI vollzieht sich nach wie vor (aus der Sichtweise Anfang 2026) in ungebremster Geschwindigkeit. Von einfachen Chatbots im Jahr 2022 über RAG-Systeme 2023, über erste KI-Agentensysteme 2024 bis hin zu den heute verfügbaren (Multi-)KI-Agentensystemen hat sich die GenAI-Technologie kontinuierlich weiterentwickelt.
OpenAI hat im Juli 2024 (gemäß eines damals veröffentlichten Leaks) in seiner 5-Stufen-Roadmap auf dem Weg zur Artificial General Intelligence (AGI) diesen Evolutionsweg skizziert: Von einfachen Chatbots in der ersten Phase über Reasoning-Modelle in der zweiten Entwicklungsstufe, die menschliches Denken und Schlussfolgern imitieren können, führt der dritte Entwicklungsschritt hin zu KI-Agentensystemen. Zu betonen ist, dass der Begriff „KI-Agent“ derzeit inflationär verwendet wird. Weitgehend konsensfähig in der Fach-Community sind aber diese zentralen Merkmale: (teil-)autonome Entscheidungsfindung, multimodale Fähigkeiten zur Generierung und Verarbeitung verschiedener Medientypen (Text, Bild, Audio, Video, Softwarecode), schrittweises logisches Denken, ein Gedächtnis, das Zusammenhänge über mehrere Gespräche und Aufgaben hinweg speichert, sowie die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen und sich selbst zu verbessern.
Nach dieser dritten KI-Evolutionsphase sollen laut OpenAI in der vierten Evolutionsphase Innovatoren-Systeme entstehen, die in der finalen fünften Phase zu KI-Systemen führen, die eigenständig komplette Organisationen managen können.
Diese beiden letzten Phasen und hier insbesondere die konzeptionell unscharfe und mit viel „Marketingprosa“ flankierte Vision einer Artificial General Intelligence (AGI) – bleiben spekulativ und müssen bzw. dürfen kritisch hinterfragt werden.
Zurück zur aktuellen Phase: Für das Projektmanagement ergeben sich in der agentischen Phase konkrete Anwendungsfelder, die vielfältige Chancen aufzeigen, gleichzeitig aber auch wegen der nach wie vor vorhandenen Halluzinationsgefahr von GenAI-Systemen risikobehaftet sind: KI-Agenten können z.B. Teamdiskussionen simulieren, automatisierte Risikoanalysen durchführen, Dokumentationen erstellen und Routineaufgaben übernehmen. Plattformen wie Asana AI, Microsoft Copilot oder Atlassian Intelligence zeigen bereits heute, welches Potenzial in dieser Technologie steckt.
Mit der zunehmenden Autonomie von KI-Systemen verändert sich aus meiner Sicht die Rolle des Menschen in der toolgestützten Arbeitswelt grundlegend. Als grobe Klassifizierung lassen sich diese drei Rollen der menschlichen Evolution im Zusammenspiel mit Werkzeugen in der Arbeitswelt unterscheiden:
Der Microsoft Work Trend Index 2025 (Microsoft Corporation 2025) prägt für die dritte Rolle im agentischen Zeitalter den zutreffenden Begriff „Agent Boss“: Menschen werden laut dieser Microsoft-Trendanalyse zu Führungskräften hybrider Teams aus menschlichen Akteuren und KI-Agenten oder in weiteren Schritten auch nur KI-Agenten, siehe Abbildung 1.

Abbildung 1: Microsoft und der Work Trend Index 2025 mit „Frontier Firms” (April 2025) und Menschen in der neuen Führungsrolle des „Agent Boss“, Quelle www.microsoft.com/en-us/worklab/work-trend-index/2025-the-year-the-frontier-firm-is-born
Dabei stellt sich eine zentrale Frage: Welche Rolle nehmen wir als Mensch ein? Sind wir als Menschen in Anlehnung an die Metapher einer Flugreise die Piloten, Co-Piloten oder nur noch „mitfahrende Passagiere“? Aus meiner Sicht müssen wir uns diesen Fragen sehr viel bewusster stellen. Dazu gehört auch, diesen Entwicklungsprozess im eigenen Verhalten wahrzunehmen und die Machtverteilung zukünftig präziser zu klären. Aus meiner Sicht müssen wir Menschen uns (selbstverständlich!) in der Führungsrolle sehen und diese neue und nicht-triviale Herausforderung annehmen:
Geben wir den KI-Lösungen den Raum, als „Dominator“ aufzutreten, erleiden wir zwangsläufig einen Kontrollverlust. Je leistungsstärker und damit mächtiger die KI-Systeme werden, umso größer die Gefahr. Daher dürfen wir den KI-Systemen diese uns Menschen dominierende Rolle nicht ungeprüft überlassen. Die beiden anderen denkbaren KI-Rollen als „Facilitator“, die ein kollaboratives Zusammenspiel von Mensch und Maschine auf Augenhöhe bedeuten, oder als nur ausführendes Werkzeug in der Rolle „Operator“, sind weitaus weniger kritisch zu bewerten, müssen aber auch von uns Menschen präzise gesteuert werden. Das Ziel muss darin bestehen, KI-Systeme verantwortungsbewusst, sehr reflektiert und mit Weitblick zu nutzen, so dass wir die Potenziale der Technologie bestmöglich ausschöpfen können, ohne unsere menschliche Entscheidungshoheit zu gefährden.
Welche menschlichen Fähigkeiten und Kompetenzen sind an diese Zielsetzung geknüpft? Hierfür verwende ich den Begriff „AI Leadership“ und habe den Begriff wie folgt definiert:
„AI Leadership bezeichnet die Kompetenz, den Einsatz von KI-Systemen innerhalb eines werteorientierten, transparenten und reflektierten Rahmens zu steuern – ohne dabei die Entscheidungshoheit an die eingesetzte Technologie abzugeben. Diese Definition erweitert etablierte Konzepte wie Digital Literacy, Data Literacy und AI Literacy um eine entscheidende Dimension: die aktive Führungs- und Managementkompetenz. Es geht nicht mehr nur darum, KI zu verstehen oder anzuwenden, sondern sie strategisch zu steuern und dabei ethische sowie rechtliche Aspekte im Blick zu behalten.“
Kurz formuliert, bedeutet AI Leadership einen werteorientierten und verantwortungsvollen Umgang mit Macht über KI, verbunden mit einer Gestaltungs- und Steuerungskompetenz auf kontinuierlich wachsendem Niveau (Weßels, 2024).
Der Weg zur AI-Leadership-Kompetenz vollzieht sich aus meiner Sicht in drei aufeinander aufbauenden Stufen, siehe Abbildung 2:

Abbildung 2: Weg zur AI Leadership im agentischen Zeitalter
Die Frage, welche Kompetenzen in einer zunehmend stärker KI-geprägten Arbeitswelt relevant sind, führt zurück zu dem, was uns als Menschen auszeichnet. Hierzu zählen insbesondere Kreativität jenseits erlernter Muster, echte Empathie, Intuition, moralisches Urteilsvermögen und nicht zuletzt Bewusstsein. Der World Economic Forum Future of Jobs Report 2025 (World Economic Forum 2025) betont entsprechend Fähigkeiten wie analytisches Denken, Resilienz, Führung und Kreativität als Kernkompetenzen der Zukunft.
Wir müssen uns unserer menschlichen Stärken viel stärker bewusst sein, denn KI-Systeme können zwar besser und schneller in riesigen Datenmengen Muster erkennen und reproduzieren, aber wir punkten mit unseren zutiefst menschlichen Fähigkeiten. Diese Qualitätsmerkmale werden in der Projektarbeit der Zukunft nicht weniger relevant, sondern werden wichtiger denn je sein.
Die Integration von KI-Agentensystemen ins Projektmanagement ist keine Zukunftsvision mehr, sondern spätestens seit 2024 in der Realität angekommen. Für Projektmanagerinnen und Projektmanager bedeutet diese Entwicklung: Wer die Potenziale dieser Technologie nutzen und gleichzeitig die Kontrolle behalten will, muss die Fähigkeit zum AI Leadership entwickeln.
Diese neue Kompetenz darf nicht auf eine technische Fertigkeit im engeren Sinne reduziert werden, sondern steht für eine umfassende Haltung: Sie verbindet technisches Verständnis mit ethischer Reflexion, strategischem Denken mit menschlichem Urteilsvermögen. Es geht darum, die Regie in den eigenen Händen zu behalten – gerade weil KI-Systeme zunehmend mehr wie (teil-)autonome Akteure agieren.
Die Frage lautet daher nicht, ob wir mit KI-Agenten zusammenarbeiten werden, sondern wie und ob wir schnell genug unsere neue Führungsrolle wahrnehmen und entwickeln werden.
Microsoft Corporation. (2025). 2025: The Year the Frontier Firm Is Born [Work Trend Index Annual Report]. assets-c4akfrf5b4d3f4b7.z01.azurefd.net/assets/2025/04/WTI-2025-04-The-Year-the-Frontier-v13_68535917c7c2a.pdf
Weßels, D. (2024). AI Leadership als Königsdisziplin. changement, 06/2024, 10–11.
World Economic Forum. (2025). The Future of Jobs Report 2025. www.weforum.org/publications/the-future-of-jobs-report-2025/

Abbildung 3: KI-generierte Übersicht des Beitrags (NotebookLM Infografik vom 09.01.2026)
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Wissenschaftliche Leiterin im KI-Anwendungszentrum Schleswig-Holstein für das Zukunftslabor Generative KI an der FuE-Zentrum HAW Kiel GmbH, Mitgründerin und Kernteammitglied des "Virtuellen Kompetenzzentrums: Künstliche Intelligenz in Bildung, Wissenschaft und Arbeitswelt" (VK:KIWA).
doris.wessels@haw-kiel.de
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