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Zwischen „Tetris-Zeitplanung“ und True Crime: Die Kunst des fluiden Projektmanagements bei der Hörspielproduktion

121 Beteiligte, 33 Studiotage und ein Urteil in letzter Sekunde: Der jüngste PM Salon in der Hauptstadtrepräsentanz der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. gab Antworten auf die Frage, wie man kreative Großprojekte zum Erfolg führt.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen aus einem zweiwöchigen Urlaub zurück, und direkt am nächsten Montag beginnen die teuren Studioaufnahmen für ein komplexes Audioprojekt. In Ihrem Briefkasten finden Sie ein 120-seitiges Gerichtsurteil, das brandneue Fakten enthält, die Ihr gesamtes Skript über den Haufen werfen. Für Johanna Steiner war dies kein Albtraum, sondern Realität im Projekt „Gnadenlos“. Dieser Moment verdeutlicht die extreme Volatilität und den Zeitdruck, unter dem professionelle Hörspielproduktionen stehen, wenn reale Fakten und künstlerischer Anspruch aufeinandertreffen. 

Im PM Salon in der Hauptstadtrepräsentanz der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V. am 12. Mai 2026 bot sich den Gästen ein besonderer Blick hinter die Kulissen der Hörspielproduktion. Johanna Steiner (Hörspielautorin und -regisseurin) sowie Annabell Rühlemann (Producerin) gaben Einblicke in die Entstehung von Hörspielen und haben gezeigt, wie kreative Vision und strukturiertes Projektmanagement erfolgreich ineinandergreifen. Unter dem Titel „Zwischen Skript und Sound: Hörspielproduktion als Projekt“ berichteten sie, wie von der ersten Idee bis hin zum finalen Klangbild ein komplexes Gesamtwerk entsteht. Dabei ging es auch darum, wie kreative Prozesse organisiert werden können und wie die verschiedenen Beteiligten stimmig koordiniert werden. 

Der Projektauftrag des Kunden (Sony/Europa) war zunächst klar definiert, aber in der Umsetzung hochkomplex: Ein True-Crime-Hörspiel, das die Brücke zum Podcast-Publikum schlägt. Was einfach klingt, erforderte ein präzises Scope Management. Die ursprünglich angesetzte Episodenlänge von 60 bis 75 Minuten erwies sich schnell als unzureichend, um die journalistische Tiefe und die sensiblen realen Kriminalfälle adäquat abzubilden. Am Ende wuchs das Projekt auf beachtliche 462 Minuten Gesamtlaufzeit an. 

Besonders spannend war der Einblick in die Kosten- und Ressourcenplanung. Während die erste Kalkulation noch im oberen fünfstelligen Bereich lag, landete die finale Abrechnung im unteren sechsstelligen Bereich. Diese Budgetüberschreitung resultierte aus dem massiven Rechercheaufwand und der Notwendigkeit, für die Authentizität spezifische Ressourcen wie Dialekt-Sprecher (z. B. Niederösterreichisch) oder muttersprachliche Akteure zu engagieren. Das Projektmanagement musste hier den Spagat zwischen wirtschaftlicher Realität und dem Qualitätsanspruch einer „One-Woman-Show“ in der Regie meistern. 

Die Zeitplanung glich laut Annabell Rühlemann einem „Tetris-Spiel“. Mit 121 beteiligten Personen, davon 115 Sprecher, mussten die Studiozeiten minutiös durchgetaktet werden. Ein zentrales PM-Instrument war dabei die Szenenliste. Sie diente nicht nur der Regie zur Kontrolle des Fortschritts, sondern war die essenzielle Basis für die Gagenberechnung (nach „Takes“) und die gesamte Dispositionslogistik. Ohne diese granulare Planung wäre das Projekt angesichts von 33 statt der geplanten 15 Studiotage organisatorisch kollabiert. 

Ein entscheidender PM-Aspekt war das Risikomanagement, insbesondere im rechtlichen Bereich. Da reale Personen und Verbrechen dargestellt wurden, unterlag jedes Skript einer strengen anwaltlichen Prüfung, um Klagen zu vermeiden. Die moralische Verantwortung gegenüber Opfern und Hinterbliebenen führte während des Projekts zu einer prozessualen Anpassung: In der zweiten Staffel wurden alle Namen konsequent anonymisiert, um das juristische und ethische Risiko zu minimieren. 

Die Referentinnen betonten zudem die Bedeutung von Agilität in kreativen Prozessen. Ursprünglich war geplant, alle fünf Folgen am Stück aufzunehmen. Als sich jedoch Verzögerungen in der Recherche und ein parallel hereingereichtes Kinderhörspiel-Projekt ergaben, stellte das Team auf ein „2-2-1-System“ um. Diese Flexibilität im Projektplan ermöglichte es, trotz unvorhergesehener Hürden alle Veröffentlichungstermine und Deadlines einzuhalten. 

Ein Highlight des Vortrags war das Thema Stakeholder-Management. Das Motto des Kunden „Keep the artist happy“ wurde zum Erfolgsfaktor. Durch das große Vertrauen des Auftraggebers in die künstlerische Leitung konnten selbst Krisen, wie die Budgetunterschreitungen, partnerschaftlich gelöst werden. Die Producerin fungierte hierbei als entscheidende Schnittstelle, die den kreativen Freiraum schützte und gleichzeitig die organisatorischen Leitplanken sicherstellte. 

Abschließend zogen Steiner und Rühlemann ein positives Fazit: Trotz eklatanter Abweichungen vom ursprünglichen Plan war das Projekt ein voller Erfolg. Der Kunde war so begeistert, dass die zweite Staffel bereits beauftragt wurde, bevor die erste überhaupt veröffentlicht war. Das wichtigste Learning für alle Projektmanager: Ein Plan muss „fluide“ sein, um sich den Realitäten eines komplexen, menschenzentrierten Kulturprojekts anpassen zu können. 

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Ansprechpartner

René Mittelstädt