Rathgeber hat solche Situationen in drei sehr unterschiedlichen Branchen erlebt: im Offshore-Windturbinenbau, im Marineschiffbau und beim Neubau eines Kernkraftwerks. Trotz unterschiedlicher Technologien und Projektumfelder beobachtete sie dabei wiederkehrende Muster. „Nicht das Produkt war also First-of-a-Kind – sondern in vielerlei Hinsicht die Organisation“, beschreibt sie eine ihrer zentralen Erkenntnisse. Denn häufig fehlen bewährte Strukturen, bestehende Prozesse passen nicht zur neuen Aufgabe oder wurden über Jahre nicht mehr benötigt.
Der Vortrag „Projektmanagement in First-of-a-Kind Großprojekten“ gehört zum Programm des PM Forum 2026. Europas führender Fachkongress für Projektmanagement bringt am 8. und 9. Oktober 2026 in München Projektverantwortliche, Führungskräfte, PMO-Experten und Entscheider aus Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft zusammen. Das Programm umfasst Keynotes, Praxisberichte, Fachvorträge und Diskussionsformate zu aktuellen Herausforderungen und Zukunftsthemen des Projektmanagements.
Eine besondere Herausforderung besteht in First-of-a-Kind-Projekten darin, dass sich Projekt und Projektorganisation gleichzeitig entwickeln müssen. Neue Kolleginnen und Kollegen werden integriert, Rollen entstehen oder werden neu interpretiert, Schnittstellen müssen funktionieren und Entscheidungswege müssen sich bewähren. Gleichzeitig läuft das eigentliche Großprojekt bereits weiter. Projektmanagement kann deshalb nicht vollständig im Voraus entworfen werden, sondern muss mit den Anforderungen wachsen und sich kontinuierlich weiterentwickeln.
Dabei geht es auch um typische Fehlannahmen in frühen Projektphasen. Während der Blick zunächst meist auf Produktentwicklung, technischer Kompetenz und Personalbedarf liegt, werden unterstützende Funktionen mitunter unterschätzt. Dazu zählen beispielsweise Planung und Steuerung, Schnittstellenmanagement, Änderungsmanagement oder Dokumentation. Gerade Letztere kann zunächst wie eine nachgelagerte administrative Aufgabe wirken, später aber für das Gesamtprojekt entscheidend werden. Änderungen am Produkt müssen schließlich auch in Konfiguration und Dokumentation nachvollziehbar abgebildet werden.
Rathgeber macht zugleich deutlich, dass erfolgreiche Projektorganisation nicht allein eine Frage von Methoden und Prozessen ist. Gerade in neuartigen Großprojekten treffen häufig erfahrene Fachkräfte auf viele neu eingestellte und hoch motivierte Kolleginnen und Kollegen. Diese Energie könne eine wesentliche Stärke des Projekts sein – vorausgesetzt, die Organisation schafft einen Rahmen, in dem sie wirksam werden kann. Bleiben Zuständigkeiten dauerhaft unklar oder Entscheidungen schwer nachvollziehbar, kann aus anfänglicher Begeisterung dagegen zunehmend Frustration entstehen.
In ihrem Vortrag verdichtet Rathgeber ihre Erfahrungen deshalb zu fünf wiederkehrenden Mustern aus den Bereichen Rollen und Verantwortlichkeiten, Schnittstellen, Planung, Methoden sowie dem Zusammenspiel von Organisation und Menschen. Ein Patentrezept für Großprojekte soll daraus ausdrücklich nicht entstehen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr praktische Erfahrungen: Welche Ansätze haben funktioniert? Welche Annahmen haben sich als falsch erwiesen? Und welche Strukturen sollten Organisationen bewusst entwickeln, wenn erprobte Standards fehlen?
Über die Referentin
Dipl.-Kffr. Univ. (Int.) Nicole Rathgeber verfügt über mehr als 20 Jahre Führungserfahrung in komplexen Großprojekten im Verteidigungsumfeld, der maritimen Wirtschaft, der Energiebranche und der IT. Ihr Schwerpunkt liegt auf klaren Rollen, Entscheidungswegen und wirksamer Projektsteuerung an der Schnittstelle von Technik, Kaufmännischem und Führung. Sie ist IPMA® Level A – Certified Project Director.
Der Vortrag von Nicole Rathgeber unter dem Titel „Projektmanagement in First-of-a-Kind Großprojekten“ findet am 8. Oktober 2026 von 15:30 bis 16:15 Uhr im Raum Bogenhausen 2 (UG) statt.
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