Diese Kernthese prägte den gemeinsamen PM-Tag in Stuttgart, den die GPM Regionalgruppe Stuttgart gemeinsam mit dem PMI Germany Chapter veranstaltete. Im Mittelpunkt stand die von Prof. Dr. Steffen Scheurer moderierte Podiumsdiskussion mit GPM Präsident Prof. Dr. Peter Thuy und Wolfgang Friesike, Präsident des PMI Germany Chapter. Beide widmeten sich der Frage, welchen Beitrag professionelles Projektmanagement leisten kann, um Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft zukunftsfähig zu machen.
Für Prof. Dr. Peter Thuy beginnt die Antwort deutlich früher als vielfach angenommen: Projektmanagement dürfe nicht erst einsetzen, wenn politische oder unternehmerische Entscheidungen bereits getroffen seien. Der größte Nutzen von Projektmanagement liegt nach seiner Einschätzung vielmehr darin, komplexe Vorhaben bereits in ihrer Entstehung systematisch zu strukturieren, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und Auswirkungen frühzeitig zu analysieren.
„Gesetzesinitiativen sind Transformationsinitiativen“, betonte Thuy. Würden solche Vorhaben projektmäßig angegangen, würden „vorher auch noch andere Fragen“ gestellt. „Man hätte vermutlich länger gebraucht. Vielleicht hätte man aber wahrscheinlich auch eine andere und wahrscheinlich sogar eine bessere Lösung gefunden.“ Nach Auffassung Thuys wird Projektmanagement deshalb bislang häufig zu spät eingesetzt. Das Potenzial liege nicht allein in der erfolgreichen Umsetzung von Projekten, sondern bereits in der Entwicklung tragfähiger Lösungen. „Projektmanagement hilft schon einen Schritt vorher – bei der Problemdefinition, bei der Aufgabendefinition – genauer zu arbeiten und Dinge zu berücksichtigen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht im Blick sind.“
Für den GPM Präsidenten ist dieser Mehrwert von Projektmanagement angesichts der zahlreichen Transformationsaufgaben von besonderer Bedeutung: Komplexe Veränderungen verlangten nach einer systematischen Herangehensweise – und professionelles Projektmanagement könne dazu beitragen, Auswirkungen frühzeitig zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Entscheidungen langfristiger auszurichten. Dadurch steige die Wahrscheinlichkeit tragfähiger Lösungen und der Bedarf, bereits beschlossene Maßnahmen kurze Zeit später wieder zu korrigieren, könne sinken.
Wolfgang Friesike griff diesen Gedanken auf und stellte die wachsende Bedeutung professionellen Projektmanagements für die Umsetzung großer Transformationsvorhaben heraus. Klimawandel, Digitalisierung oder Veränderungen der Arbeitswelt würden heute überwiegend in Projekten und Programmen gestaltet. Professionelles Projektmanagement sei deshalb eine Zukunftskompetenz. Erfolgreiche Projektmanager müssten komplexe Stakeholder-Strukturen moderieren, Veränderungen begleiten und auch unter unsicheren Rahmenbedingungen handlungsfähig bleiben.
Beide Präsidenten waren sich darüber hinaus einig, dass sich das Berufsbild des Projektmanagers grundlegend verändert. Neben methodischer Kompetenz gewinnen Führung, Kommunikation und die Gestaltung von Veränderungsprozessen zunehmend an Bedeutung. Mit diesem Wandel müssten sich auch die Projektmanagement-Standards weiterentwickeln. Sie müssten die Anforderungen moderner Projekte widerspiegeln und den veränderten Aufgaben von Projektmanagerinnen und Projektmanagern Rechnung tragen.
Auch die Qualifizierung künftiger Projektmanager spielte in der Diskussion eine wichtige Rolle. Friesike unterstrich den Wert von Zertifizierungen als gemeinsame fachliche Grundlage und als Voraussetzung für eine einheitliche Sprache im Projektmanagement. Gleichzeitig machten beide Präsidenten deutlich, dass erfolgreiche Projektmanager nicht allein durch Zertifikate entstehen. Erst das Zusammenspiel aus Qualifizierung, praktischer Erfahrung und kontinuierlicher Weiterentwicklung schaffe die Voraussetzungen, komplexe Projekte erfolgreich zu führen.
In der Diskussion mit dem Publikum rückte schließlich die Verantwortung von Unternehmen und öffentlichen Institutionen in den Mittelpunkt. Mehrere Wortmeldungen griffen die Frage auf, wie Projektmanagement früher in Entscheidungsprozesse eingebunden werden kann und welche Rolle Führungskräfte und Projektauftraggeber dabei spielen. Einigkeit bestand darin, dass professionelles Projektmanagement künftig stärker als strategische Führungsaufgabe verstanden werden muss.
Die Diskussion machte deutlich, dass professionelles Projektmanagement künftig nicht mehr allein daran gemessen werden wird, Projekte effizient umzusetzen. Seine eigentliche Stärke liegt darin, Transformationen frühzeitig zu strukturieren, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und tragfähige Entscheidungen vorzubereiten. Genau darin sieht GPM Präsident Prof. Dr. Peter Thuy einen wesentlichen Beitrag des Projektmanagements für die Zukunftsfähigkeit von Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft.