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Projektmanagement zwischen Erdorbit und Ausstellungshalle

Raumfahrt klingt nach ferner Zukunft – ist aber längst Teil des Alltags. Navigation, Wettervorhersagen, Kommunikationsnetze oder Erdbeobachtung wären ohne sie kaum denkbar. Wie sich diese komplexen Zusammenhänge für Politik, Fachwelt und breite Öffentlichkeit zugleich verständlich, anschaulich und glaubwürdig vermitteln lassen, ist selbst ein anspruchsvolles Projekt. Genau hier setzte der PM Salon der GPM am 4. Dezember 2025 an: Am Beispiel des „Space Pavilion“ auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA wurde deutlich, welche Rolle professionelles Projektmanagement spielt, wenn technologische Spitzenleistungen gesellschaftlich eingeordnet und erlebbar gemacht werden sollen.

Der PM Salon will zeigen, wie Projektmanagement den Alltag prägt – jenseits abstrakter Methoden, anhand konkreter Projekte und Persönlichkeiten. Zweimal jährlich lädt die GPM in ihrer Hauptstadtrepräsentanz dazu ein, außergewöhnliche Vorhaben aus unterschiedlichen Kontexten vorzustellen und deren Managementlogik transparent zu machen. Mit dem Space Pavilion auf der ILA ist dies erneut gelungen – nicht zuletzt durch die Wahl der Referierenden für die Abendveranstaltung am 4. Dezember 2025 in der Hauptstadtrepräsentanz der GPM in Berlin: Annett Feige von Jena-Optronik und Matthias Reiser von der Agentur „ad modum“, die das Projekt als Hauptauftragnehmer und aus Agenturperspektive begleiten.

Zwei Perspektiven auf ein gemeinsames Projekt

Den inhaltlichen Einstieg übernahm Matthias Reiser, Geschäftsführer der Potsdamer Kreativagentur „ad modum“. Er schilderte zunächst die Arbeitsweise seiner Agentur, die seit vielen Jahren auf langfristige Kundenbeziehungen und qualitativ hochwertige Projekte setzt. Projektmanagement sei dabei kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Transparenz, Verlässlichkeit und Vertrauen – ergänzt um eine bewusst gepflegte Haltung: gute Stimmung, klare Strukturen und Eigenverantwortung.

An seiner Seite stellte sich Annett Feige vor, die bei Jena-Optronik seit 20 Jahren die gesamte interne und externe Kommunikation verantwortet – in einem Unternehmen mit rund 240 Mitarbeitenden. Das Raumfahrtunternehmen entwickelt Sensoren für Satelliten. Darüber hinaus ist sie die Vorsitzende des Arbeitskreises Raumfahrt Kommunikation beim BDLI. Feige schlug bewusst den Bogen von persönlicher Motivation zur Projektarbeit: Raumfahrt sei immer Teamarbeit – technologisch wie kommunikativ.

Der Space Pavilion auf der ILA: Raumfahrt als Gemeinschaftsauftritt

Inhaltlicher Kern des Abends war der Space Pavilion als Herzstück des Raumfahrtauftritts auf der ILA Berlin. Feige erläuterte den Kontext: Seit ihrer Neupositionierung 2016 versteht sich die ILA als Innovationsmesse mit klarer Trennung zwischen Fachbesuchertagen und öffentlichem Wochenende. Der Space Pavilion bewegt sich dabei in einem Spannungsfeld – zwischen hochrangigen politischen Delegationen und Familienpublikum.

Projektpartner sind die Europäische Raumfahrtagentur (ESA), das Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI). Budget und Konzeption werden gemeinschaftlich getragen. Seit 2010 steht der Auftritt unter dem Motto „Space for Earth“ – bewusst als logofreie Zone, in der Raumfahrt als Gemeinschaftsleistung sichtbar wird.

Neben den gesetzten Themenschwerpunkten, welche in entsprechende Ausstellungsbereichen auf rund 1.500 Quadratmetern platziert werden, ist ein Herzstück ist die „Space Stage“ für Fachvorträge und politische Formate sowie Veranstaltungen für Kinder und Familien am Wochenende. Inhaltlich reicht das Spektrum im Space Pavilion von Erdbeobachtung und Nachhaltigkeit bis hin zu sicherheitsrelevanten Fragestellungen. Ziel sei es, alle zwei Jahre einen Raum zum Staunen und Lernen zu schaffen – und zugleich zu zeigen, wie sehr Raumfahrt den Alltag prägt.

Projektorganisation: Struktur gegen Komplexität

Reiser gab einen detaillierten Einblick in die Projektlogik. Die Arbeit beginne rund 18 Monate vor der ILA, die intensive Ausgestaltung dauere etwa fünf bis sechs Monate. Eine der größten Herausforderungen sei die inhaltliche Abstimmung zwischen knapp 20 Partnern mit jeweils eigenen Schwerpunkten und Interessen. Um diese Vielfalt zu bündeln, habe man sich auf vier übergeordnete Themencluster verständigt, unter denen Inhalte eingeordnet werden.

Die operative Arbeit erfolgt in Task Forces – etwa für Storytelling, Exponate, Text-, Bild- und Videoinhalte, Bühnenprogramme und Veranstaltungen. Zentrales Werkzeug seien umfangreiche Content-Listen und Präsentationen mit mehreren hundert Seiten, in denen jeder Text, jedes Exponat und jedes Video erfasst ist. Für Abstimmungen nutze man bewusst Excel-Tabellen, da diese den Partnern den einfachen Zugang und eigenständige Anpassungen erlaubten. Tabellen und Strukturen halfen, Inhalte zu verdichten und Texte zu kürzen.

Ein besonderer Projektrisiko-Faktor sei das Brandschutzkonzept: Als temporäre Ausstellung in einer Flughafenhalle unterliege der Space Pavilion strengen Auflagen, bei gleichzeitig fehlenden Standardregeln für Durchgangswege. Hinzu komme der Zeitdruck – drei Tage vor Messebeginn müsse alles fertiggestellt sein, da Begehungen und VIP-Termine anstünden.

Feige ergänzte die Perspektive um die Anforderungen an Besucherführung und Kommunikation. VIP-Touren würden über den BDLI koordiniert, um gezielt politische Gespräche zu ermöglichen. Gleichzeitig müsse die Ausstellung für Fachbesucher*innen und Familien auch ohne Führung funktionieren. Es gehe bei der Ausstellungs(aus)gestaltung insbesondere darum, Emotionen zu wecken – etwa, wenn Kinder Astronaut*innen begegnen. Dann werde sichtbar, warum sich der hohe Projektmanagement-Aufwand lohne.

Diskussion mit dem Publikum: Ziele, Zeitdruck und politische Dimensionen

In der anschließenden Fragerunde ging es um konkrete Aspekte der Projektsteuerung. Auf die Frage nach Meilensteinen erklärte Reiser, man rechne konsequent vom Endtermin rückwärts. Kritisch sei insbesondere die finale Textabstimmung für die grafische Umsetzung.

Zur Zielsetzung bei der heterogenen Zielgruppe formulierten Reiser und Feige zwei Kernbotschaften: Erstens müsse erklärt werden, warum Deutschland in Raumfahrt investiert. Zweitens solle sichtbar werden, dass Raumfahrt fester Bestandteil des Alltags sei – von Navigation über Kommunikation bis zur Verkehrsinfrastruktur. Ein Tag ohne Raumfahrt würde weite Teile des gesellschaftlichen Lebens lahmlegen. 

Die Bedeutung des Standorts Berlin wurde klar mit der Nähe zu politischen Entscheidungsträger*innen begründet. Die Terminierung der ILA in eine Sitzungswoche des Deutschen Bundestages ermögliche den Austausch mit Abgeordneten.

Der PM Salon zeigte eindrücklich, wie Projektmanagement komplexe Interessen, politische Erwartungen und emotionale Vermittlung zusammenführt. Der Space Pavilion ist dabei mehr als eine Ausstellung – er ist ein Beispiel für strukturierte Zusammenarbeit unter hoher öffentlicher Aufmerksamkeit. Oder, wie es am Ende des Abends augenzwinkernd hieß: Noch sei man nicht so weit, Blumenfarmen auf dem Mond zu betreiben – aber ohne gutes Projektmanagement käme man diesem Ziel keinen Schritt näher.

Ansprechpartner

Sebastian Wieschowski