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| Politik und Gesellschaft

GPM Präsident Peter Thuy zu Gast im BR-Tagesgespräch über die Zukunft öffentlicher Großprojekte

Kann Deutschland noch Großprojekte? Diese Frage stand im Mittelpunkt des BR-Tagesgesprächs auf Bayern 2, einen Tag nach dem Bürgerentscheid zum Ausbau des Frankenschnellwegs in Nürnberg. Gemeinsam mit Hörerinnen und Hörern aus ganz Deutschland diskutierte Moderatorin Christine Krüger mit Prof. Dr. Peter Thuy, Präsident der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V., über die Ursachen erfolgreicher und gescheiterter Großvorhaben – und darüber, welche Rolle professionelles Projektmanagement künftig spielen muss.

Der Frankenschnellweg bildete dabei den aktuellen Anlass der Sendung. Nach mehr als zwanzig Jahren Planung, Gerichtsverfahren und kontroverser öffentlicher Debatte hatten sich die Nürnbergerinnen und Nürnberger mehrheitlich für den Ausbau ausgesprochen. Für Peter Thuy markiert dieses Votum jedoch keinen Schlusspunkt, sondern den Beginn einer neuen Phase: „Jetzt beginnt die eigentliche Projektarbeit“, betonte er. Denn mit der politischen Entscheidung allein sei noch kein erfolgreiches Projekt entstanden. Nun gelte es, die beschlossenen Ziele in eine professionelle Umsetzung zu überführen. 

Großprojekte sind mehr als Bauvorhaben 

Ein zentrales Anliegen Thuys war es, die Diskussion über Großprojekte auf eine breitere Grundlage zu stellen. Aus seiner Sicht werden Infrastrukturvorhaben häufig zu stark auf ihre technische Dimension reduziert: „Ein Tunnel ist nie nur ein Tunnel“, erklärte er in der Sendung. Der Frankenschnellweg sei nicht ausschließlich ein Verkehrsprojekt, sondern zugleich ein Stadtentwicklungsprojekt. Fragen der Mobilität, des Lärmschutzes, der Umwelt, der Aufenthaltsqualität und der wirtschaftlichen Entwicklung griffen dabei ebenso ineinander wie politische und gesellschaftliche Erwartungen. 

Gerade diese Vielschichtigkeit unterscheide Großprojekte von klassischen Bauvorhaben. Sie seien komplexe Systeme, in denen technische, rechtliche, politische und gesellschaftliche Anforderungen gleichzeitig berücksichtigt werden müssten. 

Diese Perspektive verändert auch den Blick auf den Erfolg eines Projekts. Entscheidend sei nicht allein, ob ein Bauwerk pünktlich fertiggestellt werde. Vielmehr müsse gefragt werden, ob das ursprünglich angestrebte gesellschaftliche Ziel erreicht werde. Beim Frankenschnellweg gehe es beispielsweise nicht nur um einen leistungsfähigeren Verkehrsfluss, sondern ebenso um Lärmschutz, Aufenthaltsqualität, Stadtentwicklung und die Akzeptanz der betroffenen Bürgerinnen und Bürger. Gerade diese unterschiedlichen Zielsysteme machten öffentliche Großprojekte so anspruchsvoll. 

Projektmanagement beginnt lange vor dem ersten Spatenstich 

Im Verlauf der Diskussion machte Thuy deutlich, dass professionelles Projektmanagement häufig auf die Bauphase reduziert werde. Tatsächlich beginne sein größter Mehrwert jedoch deutlich früher. Bereits in der Phase, in der politische Ziele entwickelt, Projektideen konkretisiert und unterschiedliche Interessen zusammengeführt werden, würden entscheidende Weichen gestellt. Projektmanagement schaffe hier Transparenz über Ziele, Nutzen, Risiken und Abhängigkeiten und unterstütze dabei, tragfähige Entscheidungen vorzubereiten. 

Thuy beschrieb Projektmanagement dabei ausdrücklich nicht als Instrument zur Kontrolle bereits beschlossener Vorhaben. Vielmehr könne Projektmanagement bereits in einer frühen Phase dazu beitragen, politische Ziele zu schärfen, Nutzen und Risiken transparent zu machen und realistische Erwartungen an Zeit, Kosten und Qualität zu entwickeln. Dadurch entstünden belastbarere Entscheidungen – lange bevor Ausschreibungen oder Bauarbeiten beginnen. 

Zwischen Beteiligung und Entscheidung 

Ein weiterer Schwerpunkt der Sendung war das Spannungsfeld zwischen Bürgerbeteiligung und Handlungsfähigkeit – und ganz konkret die Frage, ob ein Bürgerentscheid erst nach jahrelangen Planungs- und Gerichtsverfahren sinnvoll sei oder ob Beteiligung früher stattfinden müsse. Thuy verwies darauf, dass der Rechtsstaat und die Möglichkeit gerichtlicher Überprüfung wesentliche Bestandteile demokratischer Entscheidungsprozesse seien.  

Gleichzeitig unterstrich er, dass Projekte nach einer demokratischen Entscheidung auch einen klaren Auftrag zur Umsetzung benötigten. Am Beispiel des Frankenschnellwegs bedeute dies: Mit dem Bürgerentscheid liege nun ein politisches Mandat vor. Darauf aufbauend komme es darauf an, das Projekt professionell zu steuern und unterschiedliche Erwartungen während der Umsetzung zusammenzuführen. Ebenso wichtig sei zudem, nach einer legitimierten Entscheidung den Blick auf die gemeinsame Umsetzung zu richten. Der Bürgerentscheid zum Frankenschnellweg schaffe hierfür nun einen klaren politischen Auftrag. 

Warum manche Großprojekte gelingen 

Im Verlauf der Sendung schilderten zahlreiche Hörerinnen und Hörer eigene Erfahrungen mit Infrastrukturprojekten. Neben bekannten Problemfällen wie Stuttgart 21 oder dem Flughafen BER wurden auch erfolgreiche Beispiele genannt – darunter die Rahmedetalbrücke auf der A45, der Ausbau der A95, Brückenbauprojekte in Schwandorf sowie der Bau des Münchner Flughafens. 

Diese Beispiele griff Thuy auf, um deutlich zu machen, dass Großprojekte keineswegs zwangsläufig scheitern. Häufig werde in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem über Vorhaben gesprochen, die sich verzögerten oder verteuerten. Weniger sichtbar seien die vielen Projekte, die innerhalb der vorgesehenen Zeit und des geplanten Budgets erfolgreich realisiert würden. 

Gleichzeitig machte er deutlich, dass erfolgreiche Projekte gemeinsame Merkmale aufweisen: klare Ziele, eine eindeutige Auftraggeberschaft, frühzeitige Transparenz über Risiken sowie eine professionelle Steuerung über die gesamte Laufzeit. 

Als positives Beispiel verwies Thuy unter anderem auf die Untertunnelung des Luise-Kiesselbach-Platzes in München. Das Projekt sei innerhalb der vorgesehenen Zeit und des geplanten Budgets umgesetzt worden und zeige, dass anspruchsvolle Infrastrukturvorhaben durchaus erfolgreich realisiert werden können. Solche Beispiele fänden in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch oft deutlich weniger Aufmerksamkeit als Projekte mit Problemen oder Verzögerungen. 

Komplexität professionell gestalten 

Wiederholt machte Thuy darauf aufmerksam, dass moderne Projektmanagerinnen und Projektmanager heute weit mehr leisten müssten als Termin- und Kostenplanung: Ihre Aufgabe bestehe zunehmend darin, unterschiedliche Akteure zusammenzubringen, Zielkonflikte sichtbar zu machen, Kommunikation zu gestalten und Orientierung in komplexen Projekten zu geben. Gerade bei öffentlichen Großprojekten werde Projektmanagement damit zu einer Führungsaufgabe: „Projektmanagerinnen und Projektmanager bringen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft an einen Tisch“, erklärte Thuy. „Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass aus politischen Entscheidungen erfolgreiche Projekte werden.“ 

Dabei beschrieb Prof. Dr. Peter Thuy auch den Wandel des Berufsbildes. Während Projektmanagement früher häufig mit Terminplänen, Netzplänen und Kostenkontrolle verbunden worden sei, gewönnen heute Kommunikation, Führung und Stakeholdermanagement zunehmend an Bedeutung. Moderne Projektmanagerinnen und Projektmanager müssten komplexe Interessen moderieren, Vertrauen schaffen und unterschiedliche Perspektiven zu einer gemeinsamen Projektvision zusammenführen. 

Deutschland steht vor einer Projektdekade 

Zum Abschluss der Diskussion richtete Peter Thuy den Blick nach vorn. Im Zusammenhang mit den anstehenden Investitionen in Infrastruktur und Energiewende verwies Thuy darauf, dass Deutschland in den kommenden Jahren eine Vielzahl großer Transformationsvorhaben gleichzeitig bewältigen müsse. Gerade deshalb werde professionelles Projektmanagement zu einer Schlüsselkompetenz – nicht nur für einzelne Bauprojekte, sondern für die Modernisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt. 

Der Frankenschnellweg sei deshalb weit mehr als ein regionales Infrastrukturprojekt. Die Debatte darüber verdeutliche exemplarisch, vor welchen Herausforderungen Deutschland in den kommenden Jahren stehe – und wie wichtig es sein werde, komplexe Vorhaben von Anfang an professionell aufzusetzen und über ihre gesamte Laufzeit konsequent zu steuern. 

Der vollständige Mitschnitt des BR-Tagesgesprächs ist in der ARD Mediathek verfügbar.