Dominic von Proeck, Gründer von Leaders of AI, demonstrierte, wie KI-Agenten bereits heute ganze Arbeitsbereiche übernehmen und sogar andere KI-Systeme führen. Innovationsforscher Prof. Dr. Maximilian Lude wiederum warb dafür, technologischen Umbrüchen nicht mit Angst, sondern mit Neugier und Gestaltungswillen zu begegnen. Beide Vorträge machten deutlich: Für Projektmanagerinnen und Projektmanager wird künftig nicht allein entscheidend sein, neue Technologien zu beherrschen, sondern vor allem, Menschen und künstliche Intelligenz wirksam zusammenzuführen und Veränderungen aktiv voranzutreiben.
Wie eine solche Arbeitswelt aussehen kann, zeigte Dominic von Proeck in seiner Keynote „Führen mit KI-Agenten – Wenn aus Tools Teammitglieder werden“. Viele Unternehmen beschäftigten sich beim Einsatz künstlicher Intelligenz noch immer vor allem mit Richtlinien, IT-Infrastruktur, Schulungen und Listen möglicher Anwendungsfälle. Der eigentliche Wandel beginne jedoch erst, wenn KI nicht mehr als gelegentlich genutztes Hilfsmittel betrachtet werde, sondern als fester Bestandteil betrieblicher Abläufe. Von Proeck stellte dazu ein Experiment seines Unternehmens Leaders of AI vor: Die Zahl der menschlichen Beschäftigten soll dauerhaft auf höchstens zehn begrenzt bleiben, während das Unternehmen ausschließlich mithilfe künstlicher Intelligenz weiterwächst. Inzwischen arbeiten dort nach seinen Angaben mehr als 100 KI-Agenten, die einen erheblichen Teil der operativen Aufgaben übernehmen.
Besonders anschaulich wurde dieser Ansatz am Beispiel der virtuellen Personalabteilung. Eine KI-Agentin namens Helga übernimmt die Entwicklung neuer digitaler Mitarbeitender, führt gewissermaßen Einstellungsgespräche und lässt die Kandidaten durch ein automatisiertes Assessment-Center prüfen. Anschließend erhalten sie definierte Aufgaben, Verantwortlichkeiten und sogar ein individuelles Persönlichkeitsprofil. So kümmert sich der KI-Mitarbeiter Hansi um von Proecks LinkedIn-Auftritt, während eine weitere Agentin dessen Ergebnisse analysiert und Verbesserungsvorschläge entwickelt. Die Koordination übernimmt wiederum ein virtueller Abteilungsleiter namens Jürgen, der Aufgaben verteilt und die Zusammenarbeit organisiert. Damit entsteht eine neue Form der Arbeitsteilung, die für das Projektmanagement unmittelbar relevant ist: Wer komplexe Vorhaben steuert, muss künftig möglicherweise nicht nur menschliche Teams koordinieren, sondern auch spezialisierte KI-Agenten auswählen, anleiten und ihre Ergebnisse überprüfen.
Aus dieser Entwicklung leitete von Proeck eine bemerkenswerte These ab: Im Umgang mit künstlicher Intelligenz könnten klassische Führungskompetenzen wichtiger werden als technische Spezialkenntnisse. Wer Aufgaben präzise formulieren, verständlich kommunizieren, konstruktives Feedback geben und Ergebnisse kritisch beurteilen könne, bringe bereits wesentliche Voraussetzungen für die Zusammenarbeit mit KI-Agenten mit. Auch Fachleute ohne klassische Führungsverantwortung müssten deshalb lernen, künstliche Intelligenz anzuleiten. Die Verantwortung dürfe dabei nicht an Maschinen abgegeben werden. „Verantwortung ist ein Privileg“, betonte von Proeck und sprach sich ausdrücklich dafür aus, die letzte Entscheidung beim Menschen zu belassen. Für Projektverantwortliche entsteht damit eine neue Führungsaufgabe: Sie müssen die Leistungsfähigkeit autonomer Systeme nutzen und zugleich sicherstellen, dass Qualität, Sicherheit und Verantwortlichkeiten gewahrt bleiben.
Während von Proeck die organisatorischen Konsequenzen künstlicher Intelligenz beleuchtete, richtete Prof. Dr. Maximilian Lude in seiner Abschlusskeynote „German Angst – Über künstlichen Pessimismus und humanen Optimismus“ den Blick auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen erfolgreicher Veränderung. Technologische Entwicklungen wie autonome Fahrzeuge, humanoide Roboter und intelligente Assistenzsysteme eröffneten enorme Möglichkeiten, würden in Deutschland jedoch häufig vor allem unter dem Gesichtspunkt möglicher Risiken diskutiert. Lude warnte davor, dass Zukunftsangst und negative Erwartungen zu einer sich selbst verstärkenden Entwicklungsbremse werden könnten. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der Einsatz künstlicher Intelligenz nicht automatisch zu höherer Produktivität führe. Unternehmen müssten zunächst in Kompetenzen, Infrastruktur und neue Arbeitsweisen investieren. Die entscheidende Frage sei deshalb nicht nur, wie viel Arbeit KI übernehmen könne, sondern vor allem, was Menschen mit der dadurch gewonnenen Zeit anfangen.
Eine zentrale Antwort sah Lude im unternehmerischen Denken, das keineswegs Unternehmerinnen und Unternehmern vorbehalten sei. Gerade Projektmanager müssten lernen, Chancen frühzeitig zu erkennen, vorhandene Ressourcen kreativ einzusetzen und auch unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen. Dazu verwies er auf das aus der Entrepreneurship-Forschung bekannte Prinzip der Effectuation: Statt auf perfekte Bedingungen, vollständige Informationen oder zusätzliche Mittel zu warten, sollten Verantwortliche mit dem beginnen, was ihnen bereits zur Verfügung steht, und ihre Vorhaben schrittweise weiterentwickeln.
Anhand verschiedener Beispiele aus der Unternehmensgeschichte zeigte Lude, wie Organisationen aus technologischen Umbrüchen neue Geschäftsfelder erschließen können. Für das Projektmanagement bedeutet dies einen Perspektivwechsel: Projekte dürfen nicht ausschließlich auf die möglichst genaue Umsetzung eines einmal festgelegten Plans ausgerichtet sein, sondern müssen Raum für Experimente, neue Erkenntnisse und die Anpassung ursprünglicher Ziele lassen.
Zum Abschluss formulierte Lude drei Empfehlungen für den Umgang mit einer ungewissen Zukunft:
Erstens sollten Organisationen sich von sogenannten Zombieideen verabschieden, also überholten Vorstellungen, die trotz gegenteiliger Erkenntnisse immer wieder auftauchen. Stattdessen gelte es, bislang übersehene Ideen aufzuspüren, auch wenn diese aus anderen Abteilungen oder von Mitarbeitenden ohne Führungsposition stammen.
Zweitens brauche es positive Zukunftsbilder, die Menschen Orientierung geben und sie zum Handeln ermutigen.
Drittens werde lebenslanges Lernen zur entscheidenden Voraussetzung, um mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten. Die wichtigste Kompetenz der Zukunft sei die „Fähigkeit, neue Dinge zu lernen. Und zwar schnell.“ Gerade im Projektmanagement, wo neue Technologien, Methoden und Anforderungen fortlaufend aufeinandertreffen, werde diese Lernfähigkeit zu einer wesentlichen Grundlage erfolgreicher Arbeit.
So unterschiedlich die Perspektiven der beiden Referenten waren, so deutlich ergänzten sich ihre Botschaften am zweiten Tag des PM Forums: Dominic von Proeck zeigte, wie künstliche Intelligenz bestehende Organisationsstrukturen verändert und neue Formen der Führung erforderlich macht. Maximilian Lude verdeutlichte, weshalb technologische Möglichkeiten allein nicht ausreichen, wenn es an Offenheit, Mut und unternehmerischem Gestaltungswillen fehlt.
Gemeinsam zeichneten sie das Bild eines Projektmanagements, in dem menschliche Fähigkeiten nicht an Bedeutung verlieren, sondern auf neue Weise gefordert sind. Mit diesem Ausblick endete das zweitägige PM Forum 2026, bei dem die GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement im Sofitel Munich Bayerpost Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung zusammengebracht hatte. Die zentrale Erkenntnis des zweiten Kongresstages: Die Zukunft des Projektmanagements wird nicht allein durch künstliche Intelligenz bestimmt, sondern durch die Menschen, die sie verantwortungsvoll einsetzen und den Wandel gestalten.