Die dazu vorgelegten Roadmaps sind ein wichtiger Schritt. Aber sie sind zunächst vor allem eines: ein Arbeitsauftrag.
Denn Roadmaps bauen keine Chipfabriken. Sie beschleunigen keine Zulassungsverfahren und bringen auch keinen Quantencomputer in die industrielle Anwendung. Zwischen politischem Ziel und wirtschaftlicher Wirkung liegt die Umsetzung. Dort entscheidet sich, ob aus einer guten Strategie am Ende tatsächlich Fortschritt wird.
Für mich ist das eine Frage des professionellen Projektmanagements. Portfolio- und Projektmanagement können besser als klassische Ministerinitiativen dazu beitragen, das komplexe Transformationsportfolio effektiv und effizient umzusetzen.
Und deshalb darf Projektmanagement nicht erst ins Spiel kommen, wenn Termine wackeln oder Budgets aus dem Ruder laufen. Es muss die Umsetzung von Anfang an prägen.
Eine zentrale Frage lautet für mich: Woran erkennen wir eigentlich Fortschritt? Das Ziel, Deutschland zum Leitmarkt für industrielle KI zu machen, klingt überzeugend. Aber woran messen wir, ob wir ihm näherkommen? Vielleicht an mehr Anwendungen in Unternehmen oder an messbaren Produktivitätsgewinnen. Vielleicht zeigt es sich auch daran, ob aus Forschung international wettbewerbsfähige Produkte entstehen.
Ohne eine klare Nutzenlogik entstehen schnell Aktivitätsberichte. Viele Maßnahmen sind dann gestartet, Fördermittel vergeben und Gespräche geführt. Ob Deutschland technologisch tatsächlich stärker geworden ist, bleibt trotzdem offen.
Ebenso wichtig ist die Priorisierung. Bei einer Agenda dieser Größenordnung kann nicht jede Initiative gleichzeitig dieselbe Aufmerksamkeit bekommen. Manche Technologien brauchen einen langen Atem, an anderer Stelle entscheidet Geschwindigkeit. Zur professionellen Steuerung gehört deshalb auch die unbequeme Erkenntnis, dass eine Annahme nicht trägt und ein Vorhaben beendet werden sollte.
Gerade in Deutschland fällt uns das nicht leicht.
Auch die Geschwindigkeit wird entscheidend sein. Sie entsteht nicht durch Appelle, sondern durch klare Entscheidungen. Zunächst muss geklärt sein, wer überhaupt entscheiden darf. Schon zwischen Bund und Ländern können Verantwortlichkeiten unklar werden. Sobald Unternehmen hinzukommen, treffen Forschungsinteresse, Marktreife und politische Zielsetzung aufeinander. Ohne eine belastbare Governance wird aus jeder Roadmap schnell eine neue Abstimmungsschleife.
Die Bundesregierung hat die Roadmaps auf Grundlage von 26 Partnerdialogen entwickelt. Dieser Austausch ist richtig und wichtig. Aber Dialog allein ersetzt keine Umsetzungsorganisation. An den Schnittstellen zwischen Ministerien, Forschung und Unternehmenspraxis entstehen neue Ideen, dort gehen aber auch Zeit und Verbindlichkeit verloren.
Gutes Projektmanagement schafft dafür klare Strukturen, ohne die notwendige Offenheit für Innovation abzuwürgen. Gerade bei neuen Technologien braucht es Raum für Experimente. Annahmen müssen überprüft werden, Entscheidungen dürfen revidiert werden. Auch ein Scheitern muss möglich sein.
Nichtentscheiden sollte es dagegen nicht sein.
Ein weiterer Punkt kommt in der politischen Diskussion aus meiner Sicht zu kurz: Technologische Innovation ist immer auch Organisationsinnovation. Wer solche Roadmaps umsetzen will, braucht neue Kompetenzprofile. Programmmanager müssen Technologieportfolios steuern, Transfermanager den Weg vom Labor in den Markt begleiten. Auch regulatorische Projekte und die Governance von Daten und KI verlangen eigenes Know-how.
Diese Fähigkeiten entstehen nicht nebenbei.
Wer Forschung finanziert, aber diese Umsetzungskompetenz nicht mit aufbaut, verschenkt Wirkung.
Das Gelingen der Hightech Agenda wird deshalb nicht daran scheitern, dass in Deutschland zu wenig Wissen vorhanden ist. Entscheidend wird sein, ob aus ambitionierten Zielen handlungsfähige Vorhaben entstehen.
Projektmanagement ist dabei eine Führungsdisziplin für komplexe Vorhaben. Es schafft Verbindlichkeit, wo viele Interessen zusammenkommen, und Orientierung, wenn der Weg noch nicht vollständig feststeht.
Für unsere Projektmanagement-Community ist das eine Einladung, aber auch eine Verpflichtung. Technologische Souveränität setzt Umsetzungsfähigkeit voraus. Professionelles Projektmanagement gehört deshalb von Anfang an in die Diskussion darüber, wie Deutschland seine Innovationskraft stärken will.
Die Roadmaps sind ein Anfang. Der schwierigere Teil beginnt jetzt: aus politischen Zielen verlässliche Umsetzung zu machen. Daran wird sich der Erfolg der Hightech Agenda messen lassen.
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Peter Thuy
GPM Präsident